© Reinhard Uhrig WWF Österreich
WWF-Flüssereport 2026: Flüsse in Österreich zu wenig geschützt
Gestaut, verbaut und abgeleitet: Österreichs Flüssen geht es schlecht. Nur mehr 14 % gelten als ökologisch intakt. Doch selbst wertvolle Flusslandschaften sind oft nicht vor weiteren Eingriffen geschützt. Der WWF-Flüssereport 2026 zeigt, wo diese Lebensräume bedroht sind und was sich ändern muss.
Die Schwarze Sulm in der Steiermark zählt zu Österreichs längsten ökologisch intakten Flussstrecken. Trotzdem ist dort ein neues Kraftwerk geplant. Ihr Beispiel zeigt, dass selbst die wertvollsten Flüsse nicht vor Eingriffen geschützt sind. Und die Schwarze Sulm ist damit bei weitem nicht allein.
Laut dem WWF-Flüssereport sind 77 % der ökologisch wertvollen Flussstrecken rechtlich nicht vor weiterem Wasserkraftausbau geschützt. Das betrifft rund 9.700 Kilometer, darunter viele naturnahe Abschnitte und intakte Auen, aber auch Gewässer, die gefährdeten Fischarten Lebensraum bieten könnten. Besonders widersprüchlich: Selbst dort, wo Bund und Länder Flüsse wieder frei fließen lassen wollen, bleiben neue Kraftwerke möglich. Ihr Bau könnte geplante Renaturierungen auf Jahrzehnte blockieren.
Dabei braucht Österreich gerade angesichts zunehmender Hitze und Dürre funktionierende Flusslandschaften. Weitere Verbauungen gefährden Lebensräume und schwächen den natürlichen Wasserrückhalt, mit möglichen Folgen bis hin zur Trinkwasserversorgung. Der WWF fordert deshalb einen verbindlichen Schutz für ökologisch wertvolle Strecken und mehr Tempo bei der Wiederherstellung geschädigter Gewässer.
WWF-Flüssereport 2026
Die intensive Verbauung von Flüssen verschärft in Österreich die Folgen von Hitze und Trockenheit. Der WWF-Flüssereport 2026 zeigt, wie Aufstauungen, Wasserableitungen und die Abtrennung von Auen die natürlichen Funktionen der Gewässer schwächen.
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Die wichtigsten Fakten zum WWF-Flüssereport in Kürze
- Nur mehr 14 % der Flüsse in Österreich sind ökologisch intakt. Rund 60 % sind sanierungsbedürftig.
- 77 % der ökologisch wertvollen Flussstrecken sind ungeschützt. Das betrifft rund 9.700 Flusskilometer, auf denen weitere Wasserkraftwerke nicht grundsätzlich ausgeschlossen sind.
- Auch geplante Renaturierungen sind gefährdet. 76 % der Flussstrecken, die laut nationalem Renaturierungsplan wiederhergestellt werden sollen, sind nicht verbindlich vor weiterem Wasserkraftausbau geschützt.
- Mehr als 6.600 Wasserkraftanlagen gibt es in Österreich. Die Folgen reichen bis ins Grundwasser. Wenn Kraftwerke den Transport von Kies und Schotter unterbrechen, kann sich das Flussbett vertiefen und der Grundwasserspiegel sinken.
- Wo Wasser zur Stromproduktion ausgeleitet und erst weiter flussabwärts zurückgeführt wird, bleibt im ursprünglichen Flussbett oft nur ein geringer Teil zurück. In 57 % dieser Restwasserstrecken ist die ökologisch notwendige Mindestwassermenge nicht gewährleistet.
- Wehre und Dämme versperren Fischen den Weg. 77 % der untersuchten Querbauwerke mit Wasserkraftnutzung sind für Fische nicht passierbar.
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Nur 14 % der Flüsse in Österreich sind ökologisch intakt.
Mehr als 6.600 Wasserkraftanlagen gibt es in Österreich.
Wichtige Fragen und klare Antworten zu Österreichs Flüssen
Warum sind Verbauungen so ein großes Problem?
Österreichs Flüsse wurden über Jahrzehnte für die Energiegewinnung, den Hochwasserschutz und die Nutzung angrenzender Flächen verändert. Viele Gewässer sind aufgestaut, begradigt oder durch Wehre unterbrochen. An manchen Stellen wird Wasser abgeleitet und erst weiter flussabwärts wieder in den Fluss zurückgeführt.
Ein Wehr kann für Fische zur unüberwindbaren Grenze werden. Laichplätze bleiben unerreichbar, zusammenhängende Lebensräume werden zerschnitten. Abgetrennte Auen verlieren wiederum den regelmäßigen Kontakt zum Fluss. Diese natürlichen Überschwemmungsflächen können dann weniger Wasser aufnehmen und für trockenere Zeiten speichern. So verändert sich durch Eingriffe am Gewässer auch der Wasserhaushalt im Umland.
Wie verschärft Wasserkraft die Folgen von Hitze und Trockenheit?
Wenig Wasser, hohe Temperaturen: Für Fische kann diese Kombination lebensgefährlich werden. Warmes Wasser enthält weniger Sauerstoff. Die Tiere müssen in kühlere Abschnitte ausweichen können, doch gerade das verhindern viele Wehre. Die Klimakrise verschärft das Problem. Längere Trockenperioden und höhere Verdunstung belasten die Gewässer; in den Alpen verändert die abnehmende Schneespeicherung zudem, wann Wasser verfügbar ist.
Wasserkraftanlagen können die Belastung zusätzlich erhöhen. Wird Wasser zur Stromproduktion ausgeleitet, bleibt im ursprünglichen Flussbett oft nur ein geringer Teil zurück. In 57 % dieser Restwasserstrecken ist die ökologisch notwendige Mindestwassermenge nicht gewährleistet. Bei Hitze erwärmt sich das verbleibende Wasser rascher. Dazu kommt: 77 % der Querbauwerke mit Wasserkraftnutzung sind für Fische nicht passierbar. Für Huchen und Äsche können solche Hindernisse den Weg aus einer gefährlich warmen Strecke versperren.
Ausreichend Restwasser und offene Wanderwege werden damit zur Überlebensfrage. Viele bestehende Anlagen müssen dringend saniert werden, damit sich diese Belastungen bei der nächsten Hitzeperiode nicht weiter verschärfen.
Wie viele Wasserkraftwerke gibt es in Österreich?
Österreichweit zählt der WWF-Flüssereport mehr als 6.600 Wasserkraftanlagen. Ihre Staumauern und Wehre halten Kies und Schotter zurück, die flussabwärts fehlen. Dort kann sich das Flussbett tiefer eingraben und der Grundwasserspiegel im Umland sinken. An der Grenzmur zwischen Österreich und Slowenien ist das Flussbett seit 1974 um durchschnittlich fast einen halben Meter gesunken. Die Eintiefung beeinträchtigt die Versorgung des Grundwassers, mit Folgen für Trinkwasser und Landwirtschaft.

Das naturverträgliche Potenzial der Wasserkraft ist in Österreich ausgeschöpft. Statt weitere Flussstrecken zu verbauen, müssen bestehende Anlagen ökologisch saniert und naturverträglich modernisiert werden.
Besonders kritisch ist der weitere Ausbau der Kleinwasserkraft. Rund 95 % aller Wasserkraftanlagen in Österreich sind Kleinwasserkraftwerke. Sie liefern allerdings nur rund 13 % des Stroms aus Wasserkraft. Die ökologischen Kosten dieser Energiegewinnung stehen also in einem sehr ungünstigen Verhältnis zum Nutzen.
Der WWF fordert deshalb, keine neuen Kleinwasserkraftwerke mehr mit öffentlichen Förderungen zu unterstützen. Von 2022 bis Ende 2025 wurden 69 Neubauprojekte mit rund 50 Millionen Euro gefördert, während 81 Revitalisierungen bestehender Anlagen lediglich rund 10 Millionen erhielten. Dabei könnte die naturverträgliche Modernisierung bestehender Anlagen die Stromproduktion erhöhen, ohne zusätzliche Flussabschnitte zu verbauen.
Mehr dazu: Wasserkraft in Österreich
Wie viele Flüsse in Österreich sind noch ökologisch intakt?
Naturnahe Flüsse sind in Österreich zur Ausnahme geworden. Nur noch 14 % der Fließgewässer gelten als ökologisch intakt. Für Arten, die auf solche Gewässer angewiesen sind, werden geeignete Lebensräume immer knapper.
Der Huchen ist ein Beispiel dafür. Der vom Aussterben bedrohte Fisch braucht frei fließende Gewässer und muss seine Laichplätze erreichen können. Wasserableitungen und Wehre schränken seinen Lebensraum ein. Auch Äschen und Forellen leiden darunter, wenn Wanderwege unterbrochen werden oder zu wenig Wasser im Flussbett bleibt.
Neben der Schwarzen Sulm ist in der Steiermark auch die Obere Mur bei St. Michael durch Kraftwerkspläne bedroht. Sie beherbergt einen besonders wichtigen Lebensraum des Huchens. Weitere Eingriffe würden damit ausgerechnet eine Strecke treffen, die für den Erhalt dieser Art große Bedeutung hat.
Auch die Pielach in Niederösterreich ist ein wichtiger Lebensraum für den selten gewordenen Fisch. Hier beeinträchtigen 17 Kleinwasserkraftanlagen seinen Lebensraum. Das zeigt, dass nicht nur große Staudämme problematisch sind. Auch viele kleine Anlagen verändern das Flussökosystem erheblich.
Ob diese gefährdeten Fischarten in Österreich eine Zukunft haben, hängt wesentlich davon ab, wie konsequent wir ihre verbliebenen Lebensräume erhalten und geschädigte Abschnitte wiederherstellen.
Wo sind wertvolle Flüsse noch durch neue Kraftwerke bedroht?
Der WWF-Flüssereport zeigt große Lücken beim rechtlichen Schutz: Rund 9.700 Kilometer ökologisch wertvoller Flussstrecken sind nicht verbindlich vor einem weiteren Wasserkraftausbau geschützt. Besonders groß sind diese Schutzlücken in Kärnten und Vorarlberg. Auch in Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark, Tirol und Oberösterreich betrifft das mehr als die Hälfte der ökologisch wertvollen Flussstrecken.
Die Situation unterscheidet sich je nach Bundesland:
- Kärnten: 95 % der ökologisch wertvollen Kärntner Flüsse sind nicht rechtswirksam geschützt. An der Lieser gefährden Kraftwerkspläne eine besonders lange naturnahe Flussstrecke.
- Vorarlberg: 91 % sind ungeschützt. Der angekündigte Verzicht auf neue Kraftwerke an ökologisch sehr guten Gewässerstrecken ist rechtlich nicht verbindlich und gilt nur bis 2030.
- Niederösterreich: 86 % sind ungeschützt. An der Pielach beeinträchtigen 17 Kleinwasserkraftanlagen den Lebensraum des Huchens. Geplante Renaturierungen, etwa an der March, bieten Chancen für die Wiederherstellung geschädigter Gewässer.
- Salzburg: 84 % sind ungeschützt. An der Saalach bei Unken gefährden Kraftwerkspläne einen naturnahen Flussabschnitt und den Lebensraum der Äsche.
- Steiermark: 68 % sind ungeschützt. Kraftwerkspläne bedrohen unter anderem die Schwarze Sulm und die Obere Mur. Gleichzeitig sollen bis 2030 insgesamt 158 Flusskilometer wieder frei fließen.
- Tirol: 59 % sind ungeschützt. Ausbaupläne am Namlosbach und im Kaunertal gefährden wertvolle Gewässer und Feuchtlebensräume.
- Oberösterreich: 56 % sind ungeschützt. Weitere Kleinwasserkraftwerke sind unter anderem an der Vöckla und der Alm geplant. Der WWF sieht zugleich ungenutzte Möglichkeiten für Renaturierungen.
- Burgenland: Hier stehen die Wiederherstellung geschädigter Gewässer und der Umgang mit Trockenheit im Mittelpunkt. Geplante Renaturierungen an der Lafnitz und der Leitha sollen helfen, Wasser länger in der Landschaft zu halten.
- Wien: Besonders dringlich ist die Situation in der Unteren Lobau. Die Abtrennung von der Donau und die Eintiefung des Donaubetts tragen zum Wassermangel und zur Austrocknung der Au bei.
Die Zahlen zeigen: Der Schutz der Flüsse muss in ganz Österreich verbessert werden. Es reicht nicht, einzelne Naturgebiete zu bewahren, wenn wertvolle Flussabschnitte außerhalb dieser Gebiete weiterhin durch neue Kraftwerke zerstört werden können.
Was bedeutet Renaturierung von Flüssen?
Renaturierung schafft die Voraussetzungen dafür, dass sich geschädigte Flüsse wieder natürlicher entwickeln können. Dafür werden beispielsweise künstliche Barrieren entfernt, Flussläufe aufgeweitet oder Gewässer erneut mit ihren Auen verbunden. So entstehen wieder natürliche Lebensräume. Fische können zuvor versperrte Abschnitte erreichen, Wasser gelangt in die umliegenden Auen. Davon profitieren auch Vögel, Insekten und zahlreiche weitere Arten. Zugleich kann die Landschaft Wasser besser zurückhalten und für trockenere Zeiten speichern.
Was fordert der WWF zum Schutz der Flüsse in Österreich?
Das naturverträgliche Potenzial der Wasserkraft ist in Österreich bereits ausgeschöpft. Bundesregierung und Länder müssen daraus Konsequenzen ziehen und dem Gewässerschutz Vorrang vor weiterem Ausbau geben.
Der WWF fordert insbesondere:
- Naturnahe Flüsse verbindlich schützen: Ökologisch wertvolle Flussstrecken und geplante Renaturierungsgebiete müssen dauerhaft vor weiterer Verbauung geschützt werden.
- Bestehende Wasserkraftwerke ökologisch sanieren: In den Flussbetten muss ausreichend Wasser verbleiben. Fische müssen wieder wandern können und schädliche Veränderungen des Wasserabflusses sollen verringert werden.
- Kleinwasserkraft nicht weiter fördern: Öffentliche Mittel sollen vorrangig in die Sanierung und naturverträgliche Modernisierung bestehender Anlagen fließen.
- Flüsse und Auen wieder verbinden: Renaturierungen sollen dafür sorgen, dass Wasser länger in der Landschaft bleibt und natürliche Lebensräume wieder zusammenhängen.
- Wasserkraft an den Folgekosten beteiligen: Der WWF schlägt einen Wasserzins nach Schweizer Vorbild von rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde Wasserkraftstrom vor. Die Einnahmen sollen zweckgebunden in Gewässerschutz und Renaturierung fließen.
- Die Energieversorgung breiter aufstellen: Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik sowie mehr Energieeffizienz und Energiesparen sollen dazu beitragen, den Druck auf die letzten naturnahen Flüsse zu verringern.
Der radikale Klimawandel setzt die heimischen Wasserreserven immer stärker unter Druck. Daher benötigen wir mehr intakte Flüsse und Auen, die Wasser in der Landschaft halten und uns durch längere Trockenperioden helfen. Ihr Schutz duldet keinen weiteren Aufschub.
Eisvogel © Wild Wonders of Europe Laszlo Novak WWF
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