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Biokunststoffe auf dem Prüfstand: Neue Studie untersucht tatsächliche Abbaubarkeit in der Natur
Wien/Bratislava/Krk, am 4. September 2026 – Ob ein Kunststoff tatsächlich in der Natur abbaubar ist, lässt sich weder am Etikett noch allein im Labor feststellen. Die neue wissenschaftliche Initiative Proven by Nature (PbN) untersucht deshalb, wie sich Biopolymere unter realen Umweltbedingungen verhalten. Unter der Leitung des renommierten Meeresbiologen Dr. Robert Hofrichter arbeiten Wissenschaftler:innen gemeinsam mit dem WWF Österreich und der Slowakischen Technischen Universität Bratislava (STU) daran, das Abbauverhalten von Biokunststoffen in unterschiedlichen Ökosystemen zu erfassen. Dafür werden die Materialien in mindestens 20 Lebensräumen getestet – von Meeren und Süßgewässern bis hin zu Waldböden. „Ob ein Material wirklich restlos zersetzt wird, entscheidet nicht das Etikett und nicht ein Laborzertifikat, sondern die Natur selbst. Wir prüfen, ob es sein Versprechen unter realen Bedingungen einhält“, sagt Meeresbiologe Dr. Robert Hofrichter.
Der Hintergrund ist ein wachsendes Umweltproblem: Seit den 1950er-Jahren wurden weltweit mehr als acht Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt. Nur rund neun Prozent der bislang angefallenen Kunststoffabfälle wurden recycelt, etwa 79 Prozent lagern auf Deponien oder in der Umwelt. Mikro- und Nanoplastik ist heute nahezu überall nachweisbar – auch im menschlichen Körper. Zugleich suggerieren Begriffe wie „bio“, „öko“, „grün“ und „abbaubar“ häufig eine Umweltverträglichkeit, die sich unter natürlichen Bedingungen nicht bewahrheiten muss. Denn gängige Zertifikate beziehen sich meist auf definierte Laborbedingungen oder auf industriellen Kompost, und nicht auf den Abbau in der freien Natur. „Unsere Natur und vor allem unsere Meere ersticken regelrecht im Plastikmüll. Irreführende Versprechen sind im Kampf gegen diese Plastikflut kontraproduktiv. Wir brauchen daher dringend verlässliche Daten darüber, was mit Kunststoffen in der Natur tatsächlich passiert. Sie sind die Grundlage für wirksamen Umwelt- und Meeresschutz“, sagt WWF-Meeresexperte Axel Hein.
Vorstudien zeigen Lücke zwischen Versprechen und Realität
Vorstudien mit Freilandexperimenten in marinen, limnischen und terrestrischen Lebensräumen liefern den Ausgangspunkt für die neue Untersuchung: Kein einziges der geprüften, teils zertifizierten Materialien baute sich unter den untersuchten Naturbedingungen so ab, wie es zugesichert war. Stattdessen entstand Mikroplastik. „Gute Biokunststoffe müssen ihren Abbau unter realen Umweltbedingungen belegen, nicht nur im Kompost. Unabhängige Freilandprüfungen bringen die gesamte Materialentwicklung voran“, sagt Prof. Pavol Alexy von der Slowakischen Technischen Universität Bratislava. Dabei geht es auch um die Zusammensetzung der Materialien: Die gesamte Kunststoffindustrie verwendet weltweit mehr als 16.000 Chemikalien, rund 4.200 davon gelten als potenziell gesundheits- oder umweltgefährdend. Ein vollständiger Abbau ohne „Altlasten“ ist daher auch aus Sicht des Umwelt- und Gesundheitsschutzes relevant.
Einladung an Hersteller und Forschung
PbN will Biokunststoffe nicht grundsätzlich infrage stellen, sondern Materialien identifizieren, die ihre Abbaubarkeit auch unter natürlichen Bedingungen belegen können. „Wir wollen keine Firma an den Pranger stellen, sondern Beweise schaffen. Wer ein wirklich gutes Material hat, hat von einer ehrlichen Prüfung nichts zu befürchten – im Gegenteil“, sagt der Gründer der Initiative, Robert Hofrichter. Hersteller und Entwickler:innen sind daher eingeladen, ihre Materialien für die Untersuchung zur Verfügung stellen; auch Nachwuchsforscher:innen und Studierende sind zur Mitarbeit eingeladen. Für die weitere Arbeit sucht PbN zudem finanzielle, institutionelle und personelle Unterstützung.
Über Proven by Nature:
Proven by Nature (PbN) ist eine unabhängige wissenschaftliche Initiative mit dem Leitmotiv „Science against Greenwashing“. Gegründet vom Meeresbiologen und Umweltschützer Dr. Robert Hofrichter (Salzburg), arbeitet PbN mit einem Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und in Kooperation mit dem WWF Österreich und der Arbeitsgruppe von Prof. Pavol Alexy an der STU Bratislava.
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