Artenlexikon
Meeresschildkröten – Wandernder Gärtner im Wasser

Artenlexikon:

wissenschaftlicher Name
Cheloniidae & Dermochelyidae
Icon Unterarten
Gefährdungsstatus
Gefährdet - Vom Aussterben bedroht (IUCN, 1996, 2004, 2008, 2013, 2015, 2019)

Verbreitung

Indischer Ozean
Mittelmeer
Pazifischer Ozean
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Meeresschildkröten

Auf ihren langen Wanderungen verteilen Meeresschildkröten Samen, halten Seegraswiesen kurz und fressen Aas. So leisten sie einen Beitrag zu sauberen, gesunden Meeren. In vielen Mythen haben sie eine besondere Bedeutung. Damit die Reptilien aber nicht nur noch in Mythen überleben, brauchen sie Hilfe.

Körperliche Merkmale

Ursprünglich lebten Schildkröten an Land oder im Süßwasser – der Umzug der ersten Vertreter ins Meer fand vermutlich vor etwa 225 Millionen Jahren statt. Seitdem haben sich die Körper der Reptilien an das Leben im im Salzwasser angepasst. Ihre Gliedmaßen haben sich zu Flossen umgewandelt und können nicht mehr in den Panzer gezogen werden, so wie Landschildkröten es tun. Da die Nieren den Salzgehalt des Blutes nicht alleine regulieren könnten, haben die Schildkröten zusätzlich Drüsen an den Augen, die beständig eine konzentrierte Salzlösung abgeben. Der Panzer der Meeresschildkröten ist deutlich abgeflacht und stromlinienförmig.

Lebensweise und Fortpflanzung

Meeresschildkröten sind Einzelgänger und verbringen den Großteil ihres Lebens im offenen Meer. Dort findet vermutlich auch die Paarung statt. Nur zur Eiablage kommen die Weibchen allerdings an Land – immer an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind, auch wenn dieser tausende Kilometer entfernt ist. Einige Tage nach der Paarung kriecht das Weibchen an den Strand und legt 50 bis 200 runde, weiße Eier in einer Sandgrube ab, die es zuvor gegraben hat. Meist legt ein Weibchen bis zu dreimal in einer Nistsaison Eier ab. Das passiert allerdings nicht jedes Jahr. Knapp zwei Monate später schlüpfen die vier bis sieben Zentimeter großen Jungen und graben sich aus dem Nest an die Oberfläche. In dieser Phase sind die Jungtiere für Nesträuber und Raubtiere exponiert. Da aber Schildkrötenweibchen meist gleichzeitig ihre Eier ablegen und die Jungen dementsprechend gleichzeitig schlüpfen, überleben mehr von ihnen. Nach dem Schlüpfen versuchen die Kleinen so schnell wie möglich ins Wasser zu gelangen. Dies geschieht meist nachts, die Jungtiere orientieren sich am Mondlicht, das vom Wasser reflektiert wird. Künstliches Licht, wie Taschenlampen oder Stadtbeleuchtung, können die Jungen vom richtigen Weg abbringen und stellen so eine zusätzliche Gefahrenquelle dar. Meeresschildkröten werden meist zwischen 30 und 50 Jahre alt, in Ausnahmefällen bis zu 150.

Ernährung

Nur die Grüne Meeresschildkröte ernährt sich rein pflanzlich – von Seegras. Die anderen Unterarten fressen hauptsächlich Quallen, Krebse, Weichkorallen, Muscheln und Tintenfische sowie Seeigel und Seegurken. Diese jagen sie während ihrer langen Tauchgänge. Die Lungenatmer können bei Aktivität zwischen fünf und 40 Minuten unter Wasser bleiben, bevor sie zum Atmen auftauchen müssen. Schlafend können sie bis zu sieben Stunden ohne Atem auskommen.

Lebensraum
Meere
Ernährungsart
Allesfresser
Fleischfresser
Pflanzenfresser
Besonderheiten
Bei Schildkröten bestimmt die Temperatur der Eier das Geschlecht. Die Klimakrise führt zu einem Mangel an Männchen, so dass Weibchen mitunter keinen Partner mehr finden.
Tags
Arten
Artenschutz
Schildkröte
Thematisch

Meeresschildkröte und Mensch

Genaue Populationszahlen der einzelnen Meeresschildkrötenarten zu bestimmen ist sehr schwierig – meist zählt man die Nester an den Stränden und schätzt so die Zahl der weiblichen Tiere. Diese Methode ist natürlich sehr ungenau – nicht alle Weibchen legen jedes Jahr Eier, manche Weibchen haben mehrere Nester. Doch eines ist eindeutig – sie werden weniger. Alle Unterarten der Meeresschildkröten sind zumindest gefährdet, wenn nicht vom Aussterben bedroht.

Ungefähr 300.000 Meeresschildkröten sterben jedes Jahr als Beifang in Fischernetzen. Auch als Luxusartikel sind sie begehrt – der Schildpatt der Panzer wird zu exklusiven Brillen und Schmuckstücken verarbeitet, ihr Leder zu Handtaschen oder Börsen. Schildkrötensuppe gilt als Delikatesse und ihre Eier gelten in manchen Ländern als Potenzmittel – zu Unrecht übrigens. Doch nicht nur Fischerei und gezielte Jagd macht den Tieren zu schaffen. Meeresschildkröten benötigen für die Eiablage geschützte und ruhige Strände ohne künstliches Licht, um ungestört ihre Eier ablegen zu können. Durch den verstärkten Tourismus mit Strandlokalen und Partystränden – nebst dem Anstieg des Meeresspiegels – wird es immer schwieriger für Meeresschildkröten geeignete Nistplätze zu finden. Dazu kommt, dass sie oft Plastikmüll mit Quallen verwechseln und fressen – wodurch sie einen qualvollen Tod sterben. Auch die Klimakrise verändert die Populationen dramatisch – und das ganz anders, als man annehmen würde. Denn die Temperatur von Schildkröteneiern bestimmt das Geschlecht der Jungen. Dadurch gibt es immer weniger Männchen und die Fortpflanzung wird schwieriger. So könnte die Klimaerwärmung zum Aussterben von Schildkröten und anderen Reptilien haben.

Die Schildkröte in der Kulturgeschichte

Die Bedeutung der Schildkröte in vielen Mythen weltweit ist die der ehrwürdigen, ruhigen und verlässlichen Basis des Kosmos. Ausgehend von der Indischen Mythologie, in der die Schildkröte als Inkarnation des Gottes Vishnu die Basis des Berges Mandara bildet, hat sich das Bild der kosmischen Schildkröte über andere asiatische Kulturen ausgebreitet. Oft trägt sie das Urmeer auf dem Rücken, auf dem die Erde als runde Fläche treibt. Ähnliche Mythen gibt es auch in Nordamerika unter den indigenen Kulturen.

Projekte und Engagement des WWF

Seit seiner Gründung im Jahr 1961 haben wir als WWF weltweit zahlreiche Projekte zum Schutz von Meeresschildkröten verwirklicht und unterstützt. Dabei wurden beispielsweise Niststrände erfasst, Eiablagen und Bruterfolge untersucht, Strand- und Meeresschutzgebiete ausgewiesen und alternative Fischfangmethoden entwickelt. Außerdem wurde die Öffentlichkeit durch Kampagnen informiert sowie der Ökotourismus gefördert. Der WWF arbeitete in den letzten 40 Jahren dazu im Mittelmeer, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, an den Küsten des östlichen und südlichen Afrikas, in Gabun und um die Kapverdischen Inseln sowie in Indien, Thailand, Malaysia, Vietnam, Indonesien, Philippinen, Papua-Neuguinea, Australien, Ozeanien, Mittelamerika, Kuba und Brasilien.

TRAFFIC, das gemeinsame Artenschutzprogramm von WWF und der Weltnaturschutzunion IUCN, überwacht den internationalen Handel mit Produkten aus Meeresschildkröten und arbeitet mit Regierungen daran, den Schutz für durch Handel bedrohte Arten zu verbessern. Stabile Meeresschildkrötenbestände sind nach Einschätzung des WWF eine langfristig lukrative Einnahmequelle. Beobachtungs-Touren zu Wasser und zu Lande locken schon jetzt jedes Jahr mehrere tausend Menschen in die Lebensräume dieser Meeresbewohner. In einer Studie hat der WWF gezeigt, dass sich mit Ökotourismus oftmals mehr Geld verdienen lässt als durch Handel mit Schildpatt sowie den Eiern und dem Fleisch von Schildkröten.

Wir engagieren uns außerdem für die Entwicklung neuer Fangmethoden, die geeignet sind, Beifang zu reduzieren. So hat der internationale Wettbewerb „Smart Gear“ („Schlaue Netze“) des WWF dazu beigetragen, dass für verschiedene Fischereien technische Lösungen bis zur Marktreife entwickelt werden konnten. In einem einzigartigen Modellprojekt testete der WWF rund 4 Jahre lang mit 1.300 Fischern den neu entwickelten Rundhaken anstatt des klassischen J-förmigen Hakens, der für Thunfisch-Leinen verwendet wird. Das Ergebnis war verblüffend: der Beifang von Schildkröten konnte um 90 % reduziert werden.

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