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© WWF UK/James Morgan

Bestürzende Trends im Tigerhandel:
Interview mit WWF-Expertin Heather Sohl

Nur noch um die 5500 Tiger leben mittlerweile in freier Wildbahn. Und ihr größter Feind ist der Mensch. Für den aktuellen Bericht „Skin and Bones“ des Artenschutznetzwerks TRAFFIC wurden über zwei Jahrzehnte lang Daten zu illegalem Tigerhandel gesammelt. So entstand ein umfassender Überblick zu Beschlagnahmungen von Tigern und Tigerteilen weltweit. Zwischen Januar 2000 und Juni 2022 wurden demnach durchschnittlich 150 Tiger pro Jahr beschlagnahmt. Insgesamt waren es über den Zeitraum nach vorsichtigen Schätzungen 3.377 Tiger, die im illegalen Handel sichergestellt wurden.

Heather Sohl ist bei der WWF-Initiative „Tigers Alive“ für den Tigerhandel verantwortlich und im Vorstand von TRAFFIC International. Sie erklärt, was die neuen Erkenntnisse für den Tigerschutz bedeuten.

Was ist der „Skin and Bones“-Bericht und warum ist er so wichtig?

Heather Sohl: Der kürzlich veröffentlichte Report ist der fünfte in einer Reihe von TRAFFIC-Berichten, die bis ins Jahr 2010 zurückreichen. Die Berichte sind die wichtigste Referenz für den Tigerhandel, da sie eine umfassende Bewertung der Beschlagnahmungen von Tigern, Tigerteilen und -produkten weltweit bieten. Der diesjährige Bericht stützt sich auf die bisher umfangreichste Datenbank von Tigerbeschlagnahmungen zwischen Januar 2000 und Juni 2022 in 50 Ländern und Gebieten weltweit.

Laut dem diesjährigen Bericht wurden schätzungsweise 3.377 Tiger beschlagnahmt – das sind durchschnittlich 150 Tiger pro Jahr. Wie wird diese Zahl ermittelt?

Jeder einzelne Tigerteil – vom Zahn bis zum Schwanz – wird im illegalen Wildtierhandel verkauft. Der Bericht von TRAFFIC nimmt die Anzahl dieser Teile aus jeder dokumentierten Beschlagnahmung und schätzt, wie viele Tiger insgesamt betroffen gewesen sein könnten. Von den geschätzten 3.377 beschlagnahmten Tigern waren fast ein Drittel der Beschlagnahmungen ganze Tiger, insgesamt 1.419 Tiger. Wenn man auch die Anzahl der beschlagnahmten Tigerteile – darunter 1.313 ganze Felle, mehr als 2,9 Tonnen Tigerknochen und 403 Schnurrhaare – bewertet, ergibt sich eine Mindestanzahl von 3.377 Tigern. Aber das ist aus mehreren Gründen schwierig. Wenn die Daten etwa fünf Tigerpfoten ausweisen, könnten diese von mindestens zwei Tigern, aber auch von fünf stammen. Um Überschätzungen zu vermeiden, gibt TRAFFIC die Mindestzahl an. Das bedeutet, dass die tatsächliche Zahl viel, viel höher sein könnte, und wir vermuten, dass sie es auch ist.

WWF-Expertin Heather Sohl. (c) Heather Sohl

Wie hat TRAFFIC im Laufe der letzten Jahrzehnte in all diesen Ländern eine so große Menge an Daten gesammelt und ausgewertet?

TRAFFIC sammelt die Daten für diese Berichte aus offenen Quellen wie den Medien sowie von Regierungen und NGOs, die Daten über die Beschlagnahmung von Tigern erheben. Dabei werden die wichtigsten Informationen berücksichtigt, wie zum Beispiel die Orte, an denen die Tiere beschlagnahmt werden, die Mengen, ob die Handelsrouten bekannt sind und ob die Tiere aus freier Wildbahn oder aus Gefangenschaft stammen. Sie sehen sich auch an, welche Art von Gegenständen beschlagnahmt werden. Die Produkte umfassen etwa Felle, Knochen, Zähne, Krallen, Wein oder Medikamente.

Es ist nun der 5. Bericht dieser Art seit der Veröffentlichung des ersten Berichts im Jahr 2010. Was hat sich seitdem geändert?

In jedem Bericht konnte TRAFFIC mehr Daten sammeln und diese auch auf neue, umfassende Weise analysieren. Mehr NGOs sammeln Informationen und auch mehr Regierungspartner stellen Daten zur Verfügung. Während sich der erste Bericht nur auf die Länder des Verbreitungsgebiets von Tigern konzentrierte, ist TRAFFIC nun in der Lage, eine globale Analyse der Beschlagnahmungen von Tigern zu erstellen. Das bedeutet, dass wir ein besseres Verständnis der Beschlagnahmungen von Tigern haben. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass wir mit den Beschlagnahmungen nur einen Teil des Tigerhandels erfassen können. Wenn die Zahl der Beschlagnahmungen zunimmt, kann dies sehr wohl eine Zunahme des Tigerhandels bedeuten, es kann aber auch bedeuten, dass die Strafverfolgungsmaßnahmen besser geworden sind.

Angebliche „Medizin“, die aus Körperteilen von Tigern hergestellt wird. (c) WWF Myanmar

Was war einer der größten Unterschiede zwischen dem ersten und dem neuesten Bericht?

Einer der größten Unterschiede ist die Bedeutung von Tigern in Gefangenschaft. Der Anteil der Vorfälle, bei denen ganze Tiger, die aus Gefangenschaft stammen, aufgegriffen wurden, ist im Laufe der Jahre gestiegen – von 9 % im Jahr 2005 auf über 50 % in den Jahren 2018 und 2019. Das Problem besteht darin, dass die Tigerfarmen die Menge des Handels erhöhen. Potenzielle Kund*innen sehen das und beginnen sich dafür zu interessieren, weil sie das Gefühl haben, es sei gesellschaftlich akzeptiert und frei verfügbar. Kombiniert man das mit der Tatsache, dass die Verbraucher*innen Umfragen zufolge wilde Tiger bevorzugen – vor allem bei Arzneimitteln, weil sie glauben, dass diese wirksamer sind – wird dies die Wilderei noch weiter fördern. Das ist besonders besorgniserregend, da der diesjährige Bericht auf beunruhigende Trends in der ersten Hälfte des Jahres 2022 hinweist: In den ersten sechs Monaten verzeichneten Indonesien, Russland und Thailand einen deutlichen Anstieg der Zahl der Vorfälle im Vergleich zu den Vorjahren.

Wissen die Verbraucher*innen von Tigerprodukten nichts von den negativen Auswirkungen oder ist es ihnen einfach egal?

Aus einigen Berichten geht hervor, dass die Verbraucher*innen den Status der Tiger in freier Wildbahn nicht kennen und glauben, es gäbe noch viel mehr davon. Einige Umfragen haben aber auch gezeigt, dass die Verbraucher*innen kein wirkliches Mitgefühl für die Notlage des Tigers haben, weil sie das Gefühl haben, dass er weit weg von ihnen ist oder sie keinen Bezug zu ihrem eigenen Leben sehen. Deshalb verwenden Kampagnen zur Verringerung der Verbrauchernachfrage jetzt andere Ansätze. Die Forscher*innen untersuchen, wer die Produkte kauft und warum, um diese Menschen umzustimmen. Ein Beispiel: Eine TRAFFIC-Umfrage ergab, dass der typische Tiger-Konsument in Vietnam ein Mann in den Fünfzigern ist, der gesellig und extrovertiert ist und den Respekt seiner Mitmenschen schätzt. Er verwendet Wildtierprodukte hauptsächlich als Medizin oder Aphrodisiakum oder als Geschenk, um andere zu beeindrucken. Auf der Grundlage dieser demografischen Informationen wurde dann gemeinsam mit wichtigen Partnern eine Kampagne entwickelt, die das Verhalten der Verbraucher*innen ansprechen und ändern sollte.

Tigerfelle in einem Geschäft in Vietnam. (c) Adam Oswell/WWF

Wie können die Regierungen besser gegen den Handel vorgehen?

Ein wichtiger Ansatz ist die Stärkung der Strafverfolgungsbehörden und die Verbesserung der Techniken zum Aufspüren, zur Verhaftung und zur Verfolgung der Täter*innen. Wir haben jetzt bessere Möglichkeiten, Daten zu sammeln und zu analysieren und Beweise zu sichern, zum Beispiel durch den Einsatz von DNA-Forensik und die Untersuchung von Finanzströmen, um Kriminelle vor Ort bis ins Zentrum ihres Verbrechernetzes zu verfolgen. Die geheimdienstlich gestützte Strafverfolgung muss zusammengeführt werden, und die Strafverfolgungsbeamt*innen müssen gut geschult und motiviert sein, um gegen Wildtierverbrechen vorzugehen. Ebenso wichtig ist ein starker politischer Wille, den nationalen und grenzüberschreitenden Strafverfolgungsbemühungen Priorität einzuräumen und in sie zu investieren. Der Handel mit Tigern sollte wie der Menschen-, Drogen- und Waffenhandel als schweres organisiertes Verbrechen behandelt werden.

Und was nun? Wie können die Daten aus dem jüngsten „Skin and Bones“-Bericht zum Schutz von Tigern beitragen?

Der Bericht wird immer vor einer Sitzung der „Conference of the Parties“ (CITES COP) zum Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten sowie freilebenden Tieren und Pflanzen erstellt. Auf dieser alle drei Jahre stattfindenden Tagung werden Entscheidungen über den Handel mit Wildtieren, einschließlich Tigern, getroffen. Der internationale Handel mit Tigern ist laut CITES verboten und es werden Maßnahmen zur Unterbindung des illegalen Handels mit Tigern diskutiert. Die Erstellung dieses Berichts im Vorfeld dieser Veranstaltung ermöglicht es uns, diese Informationen zu nutzen, um die Entscheidungen der Regierungen zu beeinflussen. Die CITES COP19 steht kurz bevor (14. bis 25. November 2022 in Panama City), und wir werden den Bericht nutzen, um aufzuzeigen, wo es an der Umsetzung mangelt und welche Maßnahmen zur Bekämpfung des Tigerhandels ergriffen werden müssen.

Titelblatt Moorstudie

Zahlen & Fakten

  • Nur noch etwa 5.500 Tiger gibt es weltweit in freier Wildbahn.
  • 3.377 Tiger – tot oder lebendig – wurden zwischen 2000 und 2022 beschlagnahmt.
  • Das entspricht etwa 150 Tigern pro Jahr.
  • Zwischen 2000 und 2022 gab es insgesamt 759 Beschlagnahmungen in Indien, 212 in China und 207 in Indonesien.

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