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© Carlo Gianferro

Unsichtbar, unterbezahlt, unentbehrlich: Frauen in der Fischerei

Wer an Fischerei denkt, denkt vermutlich an einen Mann auf einem Boot. Dabei ist die Fischerei seit jeher auch zumindest zu 50 % weiblich. Jeder zweite Arbeitsplatz in der Fischerei wird von einer Frau besetzt. Dennoch sind sie in der Öffentlichkeit so gut wie unsichtbar.

Frauen in der Fischerei fühlen sich oft diskriminiert. Sie sind selten an Entscheidungen beteiligt, unterbezahlt, rechtlich kaum bis nicht abgesichert, es fehlt an weiblichen Vorbildern und Gleichgesinnten. Ein Teufelskreis! Der WWF setzt sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Fischerei sowie nachhaltigen Fischkonsum ein.

Die Probleme sind vielschichtig und die Zusammenhänge komplex. Doch folgende 3 Dinge sollte jede*r wissen, wenn es um Frauen und Fischerei geht:

1. Frauen arbeiten immer schon in der Fischerei

Frauen leisten seit jeher einen elementaren Beitrag in der Fischerei. Viele männliche Fischer können überhaupt nur fischen, weil sie von Frauen unterstützt werden.  „Für jeden männlichen Bootsbesitzer gibt es mindestens ein weibliches Familienmitglied, das ihm hilft“, erzählt eine Fischerin aus Griechenland – sei es, dass sie sich um die Finanzen des Unternehmens, um die Netze, um die Verarbeitung oder um den Verkauf der Fische kümmert.

Frauen fangen weltweit schätzungsweise 3 Millionen Tonnen Meeresfisch und Meeresfrüchte pro Jahr, was einem geschätzten Wert von 5,6 Milliarden Dollar pro Jahr oder etwa 12 % des Wertes aller Fänge der Kleinfischerei entspricht. Trotzdem stehen Frauen im Schatten der Männer und bleiben für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar.

2. Fischerei hat ein massives Geschlechter- und Gleichberechtigungsproblem

Die Fischerei hat ein massives Gleichberechtigungsproblem. Die Verteilung von Rollen, Macht und Gewinn zwischen den beiden Geschlechtern ist dramatisch ungleichmäßig: Frauen repräsentieren ganze 90 % der niedrigbezahlten Jobs im Fischereisektor und nur 1 % der Führungspositionen. Von den 100 größten Fischerei-Unternehmen wird nur eines von einer weiblichen Chefin geführt.

Frauen bilden somit das Ende der Wertschöpfungskette. Zu den von Frauen ausgeübten Jobs zählen unter anderem Muscheln und Krustentiere sammeln, das Flicken der Netze, die Bereitstellung des Equipments, die Verpackung und Verarbeitung des Fangs. Manchmal arbeiten sie aber auch auf den Booten mit oder organisieren Bootsausflüge für Touristen.

Zwei Fischer, Emine und Osman, auf ihrem Boot beim Einholen der Netze.

​Während Frauen oft nur für Nebenrollen und die Unterstützung ihres Mannes oder anderer männlicher Familienmitglieder anerkannt werden, spielen sie eine wichtige Rolle für die soziale Widerstandsfähigkeit der Fischergemeinschaften. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass ihre verborgenen Rollen nicht nur von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind, sondern oft sogar ein besseres Einkommen als die Fischerei selbst generieren.

Zusätzlich haben Frauen aufgrund von Haushalt und/oder Kinderbetreuung häufig eine höhere Arbeitslast. Oft werden Säuglinge mit auf das Boot genommen, Mutterschutz oder Karenz gibt es nicht. Viele Frauen im Fischereisektor arbeiten in Funktionen ohne rechtlichen Status, ohne Bezahlung und werden generell in Studien nicht ausreichend berücksichtigt.

3. Einbindung von Frauen ist gut für die Nachhaltigkeit

Eine gleichwertige Ausbildung und Einbindung von Frauen und Männern in das Ressourcenmanagement fördert die Nachhaltigkeit im Fischereisektor. Warum? Frauen im Fischereimanagement neigen dazu, Risiken anders einzuschätzen als ihre männlichen Kollegen. Sie haben meist vielfältigere Rollen in dem Sektor, kümmern sich oft um Finanzen oder touristische Nebenaktivitäten und haben deshalb einen ganzheitlicheren Blick auf Probleme und langfristige Planung. Sie sind sich Bedürfnissen wie der Ernährungssicherheit oder dem familiären Wohlergehen bewusster, sind kooperativer und zeigen oft einen schonenderen Umgang mit Ressourcen. Frauen handeln nicht unbedingt häufiger nach ethischen Grundsätzen als Männer. Jedoch zeigt eine Studie, dass Faktoren wie die Sorge um die Familie und die lokale Gemeinschaft zu nachhaltigeren Entscheidungen und somit einer nachhaltigeren Nutzung der Meeresressourcen führt. Darüber hinaus sind sie wie Männer von Entscheidungen im Management betroffen und sollten deshalb Teil eines partizipativen Managementsystems sein.

Fischerin spricht auf einer Konferenz

Bildbeschreibung: Bei einem internationalen Meeting von fast 200 Repräsentanten handwerklicher KleinfischerInnen aus dem Mittelmeerraum und aus Lateinamerika im Mai 2022 in Spanien, wurde die Bedeutung der Gleichstellung als wichtige Säule der Nachhaltigkeit diskutiert.

Das tut der WWF für Frauen in der Fischerei

Es geht dem WWF Österreich nicht darum, mehr Frauen auf die Boote zu bekommen. Es geht darum, Frauen in der Fischerei, ihre harte Arbeit und schlechte Stellung sichtbar zu machen. Es geht darum, Frauen und Männer gleichberechtigt auf allen Ebenen einzubinden. Außerdem setzt sich der WWF für ein sogenanntes „Co-Management“ in der Fischerei ein – also dafür, dass die Entscheidungsfindung im Fischereimanagement unter gemeinsamer Beteiligung von Fischerinnen und Fischern, Verwaltungen, Wissenschaft und anderen Interessengruppen erfolgt. Denn Fischer*innen müssen hinter Meeresschutz-Maßnahmen stehen und sie mittragen, damit sie erfolgreich sind.

Mit dem Projekt „Out of the Shadows“ (Raus aus dem Schatten) möchten der WWF und die ADA (Austrian Development Agency) die meist unsichtbaren Frauen in der Fischerei vor den Vorhang holen. Neben der Öffentlichkeitsarbeit, wollen wir auch mit Behörden und Firmen an Lösungen für mehr Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung in der Fischerei arbeiten.

Tipps zum nachhaltigen Fischkonsum

Der WWF arbeitet auf vielen Ebenen an nachhaltiger Fischerei: Mit Fischer*innen vor Ort, mit regionalen und nationalen Behörden und mit Konsumentinnen und Konsumenten. Jede*r kann einen Beitrag zu nachhaltiger Fischerei leisten, indem

  • Fisch sollte ausschließlich als seltene Delikatesse genossen wird
  • Wenn Fisch gegessen wird, dann unbedingt aus nachhaltiger Fischerei. Der WWF-Fischratgeber hilft mit eine einfachen Ampelsystem und Tipps bei der Kaufentscheidung.
Fischratgeber

Fakten & Zahlen

  • Frauen und Männer sind zu gleichen Teilen im Fischerei-Sektor tätig.
  • Frauen fischen 3 Millionen Tonnen Fisch im Wert von 5,6 Milliarden Dollar pro Jahr – trotzdem bleiben sie weithin unsichtbar und unterschätzt.
  • Im Mittelmeer gehen Schätzungen von 14.000 beschäftigten Frauen in der Fischerei, der Aquakultur und der Fischverarbeitung aus.
  • Dennoch gibt es kaum gesicherte Daten zur Zahl der in der Fischerei beschäftigten Frauen – eine Lücke, die dringend geschlossen werden muss, denn sie führt zu einem Mangel an sozialer, aber auch wirtschaftlicher Anerkennung, Ausschluss aus Sozialversicherungsschutz und schlechterem Zugang zum Finanzmarkt.
  • Das brauchen Frauen in der Fischerei: Anerkennung, sichere Arbeitsbedingungen, gleiche Bezahlung und Beteiligung an der Entscheidungsfindung
  • Unser Ziel: Gender spielt in der Fischerei keine Rolle mehr

Das Projekt „Out of the shadows“ wird

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