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Verbaut, gestaut und reguliert: Österreichs Flüsse sterben leise

Neue Studie zeigt Ausmaß & Folgen der starken Verbauung. Es braucht dringend einen Rettungsplan.

Österreichs Flüsse sind alles andere als natürlich. Jahrzehntelang wurden sie verbaut, gestaut und reguliert. Mit dramatischen Folgen, wie eine neue Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) belegt: Rund 60 Prozent der Fischarten sind bereits gefährdet. Nur noch 17 Prozent der Flüsse können ohne Hindernisse frei fließen. Weniger als 15 Prozent sind in einem sehr guten ökologischen Zustand. Fazit der Studie: Selbst die letzten Rückzugsräume für gefährdete Arten sind nur mangelhaft oder gar nicht vor weiterer Verbauung geschützt.

Doch gerade diese letzten Flussjuwele brauchen Schutz. Die Regierung muss daher jetzt, im Zuge der Erarbeitung des „Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes“ Maßnahmen setzen, um Kraftwerke an den letzten ökologisch intakten Fließstrecken zu verhindern. Denn die Subventionen sind ein großer Anreiz für den Neubau von Kraftwerken, hunderte neue sind geplant – und das oft auch noch in ökologisch besonders sensiblen Gebieten.

Fluss-Rettungsplan dringend nötig

Wasserkraft sei sauber und klimaneutral –  sie hat als Energiequelle ein gutes Image. Doch das täuscht – Wasserkraft fordert einen hohen ökologischen Preis, denn erneuerbar ist nur das Wasser, nicht die Lebensräume an den Flüssen. Wasserkraftwerke jeder Art bedeuten massive Eingriffe in die Natur, tragen zum Artenschwund bei und verschlechtern die Ökosystem-Dienstleistungen unserer Flüsse.

Gerade in einem Land wie Österreich, das das Wasserkraftpotential seiner Flüsse quasi komplett ausgeschöpft hat, braucht es jetzt ein Umdenken, denn es gibt bereits mehr als 5.200 Wasserkraftwerke. Wir fordern von der Bundesregierung, die derzeit ein neues Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz erarbeitet einen konkreten Rettungsplan für die letzten natürlichen Flüsse. „Die Bundesregierung muss die Ökostromförderung grundlegend reformieren und mit Naturschutz-Kriterien ausstatten“, sagt unsere Fluss-Expertin Bettina Urbanek. Neue Kraftwerke in Schutzgebieten und an den letzten intakten Flussstrecken dürfen weder erlaubt, noch subventioniert  werden.

Keine neuen Kraftwerke in sensiblen Gebieten

Acht von zehn Wasserkraft-Anlagen verfehlen die ökologischen Mindeststandards. Sie sollen zuerst saniert und ihre Effizienz gesteigert werden, bevor neue Kraftwerke gebaut werden. Auch das soll im Erneuerbaren Ausbaugesetz verankert werden.  Doch  selbst im Umfeld von Schutzgebieten sind noch neue (subventionierte) Kraftwerke geplant. Diese Kraftwerke sind meist  klein und erzeugen kaum nennenswerte Strommengen, zerstören aber die Umwelt massiv. Eine echte Energiewende müsste vor allem den Verbrauch senken. Doch leider fließen immer noch jedes Jahr viele Millionen Euro von Stromkund*innen in den Bau von ineffizienten (Klein-)Kraftwerken an den falschen Standorten.

Brennpunkte Mur, Isel, Ötztaler Ache

Aktuelle Negativbeispiele sind die Kraftwerkspläne an der oberen Mur, wodurch eines der letzten national bedeutenden Vorkommen des Huchens bedroht wird. Gleich sieben Kraftwerke sind im Einzugsgebiet des Osttiroler Gletscherflusses Isel geplant und bedrohen dort die letzten ursprünglichen Bestände der streng geschützten Deutschen Tamariske. Auch das Ökosystem der einzigartigen Ötztaler Ache ist durch den Bau des Kraftwerks Tumpen-Habichen bedroht.

Zahlen, Daten und Fakten zur Studie

  • Die Analyse hat insgesamt 32.267 Flusskilometer untersucht. Rund ein Drittel aller Strecken (ca. 11.500 Kilometer) gilt „als besonders schutzwürdig“.
  • Nur 17 Prozent der Flussstrecken sind freie Fließstrecken ohne Hindernisse
  • Weniger als 15 Prozent der Flüsse sind in einem ökologisch sehr guten Zustand
  • Nur noch 1 Prozent wird von ökologisch bedeutenden, intakten Auen begleitet
  • Von den 58 heimischen Fischarten, die heute noch in Fließgewässern anzutreffen sind, sind 34 entweder gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet sind zum Beispiel Fische wie die Äsche oder der Huchen, der größte lachsartige Fisch Europas.
  • Für den stark gefährdeten Huchen, den größten lachsartigen Fisch Europas, besteht die reale Gefahr, dass er in den nächsten 20 Jahren in Österreich ausstirbt. Er kommt nur noch auf rund 50 Prozent (2.700 Kilometer) des ehemaligen Verbreitungsgebiets vor, nur auf 20 Prozent kann er sich natürlich fortpflanzen. Gute Bestände oder hohes Entwicklungspotenzial gibt es nur noch auf rund 400 Flusskilometern. Davon sind nur 9 Prozent streng geschützt;
  • Die gefährdete Äsche kommt nur noch auf rund 5.000 Flusskilometern vor. Nur noch auf 330 Kilometern (11 Prozent der beprobten Strecken) gibt es gute Vorkommen. Kümmerliche 16 Prozent der intakten Bestände (50 Kilometer) sind vor weiteren Verschlechterungen streng geschützt
  • Die seltene und streng geschützte Deutsche Tamariske kommt nur alpin und voralpin an Flüssen mit natürlicher Flussdynamik vor und ist und vom Aussterben bedroht. Die Vorkommen beschränken sich auf 0,5 Prozent der Flüsse (150 Kilometer), davon ist nur ein Drittel streng geschützt;
  • Der Flussuferläufer brütet nur mehr auf 0,3 Prozent der Fließgewässerstrecken (100 Kilometer), davon sind nur 38 Kilometer streng geschützt.

Die Ergebnisse der Studie in aller Kürze

  • Rund ein Drittel aller Strecken (ca. 11.500 Kilometer) gilt „als besonders schutzwürdig“.
  • Nur 17 Prozent der Flussstrecken in Österreich sind freie Fließstrecken ohne Hindernisse.
  • Weniger als 15 Prozent der Flüsse sind in einem ökologisch sehr guten Zustand.
  • Nur noch 1 Prozent wird von ökologisch bedeutenden, intakten Auen begleitet.
  • Die ganze Studie können Sie hier nachlesen

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