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Alt- und Totholz in der Praxis – Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt

4. Jun 2024

Halsbandschnäpper, Mittelspecht, Hirschkäfer und Großer Eichenbock – für diese Arten sind alte Bäume und Totholz als Nahrungsquelle und Lebensraum überlebenswichtig. Sie sind nur vier Beispiele aus rund einem Drittel aller Waldarten, die auf Alt-und Totholz angewiesen sind. Doch diese für den Lebensraum Wald so typischen und wichtigen Strukturen sind in den Wirtschaftswäldern heute Mangelware.

Inhalt dieses Artikels:

Die Esterhazy Betriebe bewirtschaften rund 22.400 Hektar Wald im Burgenland und setzen dabei auf Nachhaltigkeit und auf den Schutz von Böden, Lebensräumen und Arten. Im Zuge dieses Engagements entstand das dreijährige Projekt „Alt- und Totholzverbundsysteme im Leithagebirge“, das vom WWF Österreich geleitet wurde. Ziel war die Entwicklung eines Verbundsystems aus Alt-und Totholz, das Naturschutz und forstbetriebliche Ziele vereint. Ein daraus entstandener Bericht und Leitfaden präsentiert die Forschungsergebnisse und abgeleitete Erkenntnisse zu Alt- und Totholzverbundsystemen für ganz Österreich, die hier zusammengefasst dargestellt werden sollen.

Artikel verfasst von:


Mag.a Karin Enzenhofer
Expertin für Wald
WWF Österreich

1. Bedeutung von Alt- und Totholz

Alt-und Totholzstrukturen sind von besonderer Bedeutung als Nahrungsquelle und Lebensraum für unzählige Tier-und Pflanzenarten: In der Vergangenheit wurde geschätzt, dass etwa 20 Prozent (Bütler et al., 2005) – 30 Prozent (Moning, 2013) der Waldarten auf alte und tote Bäume angewiesen sind. Darunter sind Insekten, Vögel, Pilze, Flechten, aber auch Amphibien, Reptilien und Säugetiere, beispielsweise Fledermäuse. Dabei kann es sich um eine direkte Abhängigkeit handeln, bei der das Alt-oder Totholz als Nahrung oder Lebensraum fungiert. Aber auch Arten, die sich von Xylobionten ernähren, sind indirekt von Totholz abhängig. Zusätzlich fördert Alt-und Totholz die Nährstoffversorgung und Bodengesundheit, die Kohlenstoffspeicherung im Wald und die Wasserspeicherung und verringert das Risiko für Naturgefahren (Bußler, 2013; Moning, 2013)

Da Alt-und Totholzstrukturen aber erst in späten Waldentwicklungsphasen entstehen, sind diese im Wirtschaftswald durch Holzentnahmen nach ca. 80 bis 120 Jahren meist nur selten vertreten. Ein Alt-und Totholzverbundsystem soll einerseits diese Strukturen schaffen und spezialisierten Arten Lebensraum bieten, gleichzeitig aber auch Waldbewirtschaftung ermöglichen.

Nachfolgend wird (1) das Modell des Alt-und Totholzverbundsystem aus der Literatur vorgestellt, (2) das Ablaufschema, das aus den Erfahrungen im Projekt gemeinsam mit den Esterhazy Betrieben entwickelt wurde gezeigt, und (3) die identifizierten Erfolgsfaktoren angeführt.

2. Das Modell

Um Alt-und Totholzverbundsystem herzustellen und Elemente ehemaliger Naturwälder zu schaffen gibt es drei Strategien:

Schützen

Schutz vorhandener Altbestandsrelikte (oder anderer Kleinbestände von hohem Wert oder mit entsprechendem Potenzial) durch die Einrichtung klar umrissener, abgesteckter größerer Gebiete, wie beispielsweise Naturwaldreservate oder Nationalparks, aber auch kleinerer, oft „Waldrefugien“, „Prozessschutzflächen“ oder „Altholzinseln” genannten Flächen.

Erhalten

Der bewusste Erhalt von toten, alten oder anderen Habitatbäumen in einem Bestand im Rahmen von Durchforstungs- oder Erntemaßnahmen sichert Schlüsselelemente innerhalb der „Matrix“ bewirtschafteter Wälder.

Wiederherstellen

Sind aktuell keine solchen Altbestandsstrukturen vorhanden, kann mithilfe geeigneter Maßnahmen deren Wiederherstellung in geplanten, vernetzten Mustern erfolgen. Dazu gehört beispielsweise die Ausweisung von Anwärter-Biotopbäumen.

Die Elemente eines Verbundsystems:

  • Prozessschutzflächen: Kleine Waldflächen, die Außernutzung gestellt wurden
  • Biotopbäume: Baumindividuen mit möglichst vielen seltenen und besonderen Merkmalen – beispielsweise Höhlen, Stammschäden, Kronenbrüchen, Blitzrinnen, bizarren Wüchsen, Maserknollen und Totholzteilen.
  • Altholzinsel: Gruppe aus mindestens zwei Biotopbäumen
  • Totholz
Grafik Verbund

2. 1. Schwellenwerte

Gut über eine Waldlandschaft hinweg verteilt, bildet der Naturwaldverbund die Lebensadern für die Artenvielfalt im Wald (Kraus et al., 2016; Müller et al., 2012; Weiss & Köhler, 2005). Experten wie (Hanski, 2011) schlagen vor, für diesen Verbund eine ausreichende Menge an Waldflächen zu reservieren: Insgesamt sollten 11 Prozent der Waldfläche ideale Bedingungen für anspruchsvolle Arten – wie xylobionte oder saproxylische Tiere – bieten. Dazu gehört die Außernutzungstellung von kleinflächigen Prozessschutzflächen, Altholzinseln und Biotopbäumen und damit aller Naturwaldelemente. Die einzelnen Elemente sollten dabei nicht weiter als 50 bis 100 Meter voneinander entfernt sein. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind Totholzvolumina ab 20 m³/ha empfehlenswert, da die meisten anspruchsvollen Reliktarten erst ab diesem Wert profitieren, geringere Volumina sind zumindest für häufig vorkommende Arten von Vorteil.

Eine detaillierte Zusammenfassung verschiedener Konzepte und Empfehlungen aus der Literatur kann in dieser Literaturstudie auf Seite 27-39 nachgelesen werden.

3. Vom Modell in die Praxis

Aus den Erfahrungen im Projekt wurde das folgende Ablaufschema entwickelt:

  1. Vorkommende Waldarten erheben oder recherchieren
  2. Schwellenwerte auf das konkrete Gebiet herunterbrechen
  3. Überblick über vorhandene Strukturen schaffen und Prioritäten setzen
  4. Umsetzungsoption nach Abwägung Kosten/Nutzen wählen
  5. Umfassendes Forschungsprojekt (Premiumvariante): hohe Kosten, zeitintensiv, aussagekräftige Ergebnisse
  6. Praxisorientierte Umsetzung
  7. Projektart wählen
    • Rosinen-Projekt: flächige Verteilung von Biotopbäumen (5-10 Bäume pro Hektar), besonders dann relevant, wenn die Projektfläche kleiner als 100 Hektar ist oder wenn keine Auswahl von Prozessschutzflächen möglich ist
    • Korridor-Projekt: zeichnet sich durch die Etablierung von Verbindungslinien (Korridoren) zwischen den Prozessschutzflächen aus, Abstand Biotopbäume < 50 Meter
  8. Auswahl der Prozessschutzflächen
  9. Auswahl der Biotopbäume und Altholzinseln
  10. Beantragung einer forstlichen Förderung
  11. Verankerung im Operat, Markierung der Elemente

4. Erfolgsfaktoren für eine gelungene Umsetzung

Schließlich wurden aus den Erfahrungen im Forschungsprojekt die folgenden Erfolgsfaktoren identifiziert:

  • Beachtung von Schwellenwerten: Da sich anspruchsvolle Arten erst ab bestimmten Grenzwerten, wie einer minimalen Fläche an außer Nutzung gestelltem Wald oder dem maximalen Abstand zwischen Altholzinseln, etablieren, ist die Beachtung von Schwellenwerten besonders wichtig.
  • Schwellenwerte können oftmals wegen lokaler Gegebenheiten nicht von Anfang an erreicht werden, und müssen als Entwicklungsziele verstanden werden
  • Klare Begriffe und einheitliche Sprache (Definitionen), um Missverständnisse zwischen verschiedenen Akteuren (Forstbetrieb, Forschungseinrichtungen…) vorzubeugen.
  • Wissen um lokal bedeutende Waldartenvorkommen ist entscheidend, damit Totholzstandorte optimal gewählt werden können
  • Dokumentation der Verbundelemente zur späteren Nachvollziehbarkeit
  • Ideale Mischung von unterschiedlichen Biotopbäumen: 50 % Sonderstrukturen (bspw. mit Höhlen), 25 % Totholz und 25 % Anwärter
  • Ausweisen von Biotopbäumen zwischen Oktober und März: erste Durchquerung und Auswahl, Überprüfung der Linienführung, finale Kartierung und Anpassung
  • Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten
  • Dauerhafte Markierungen

Quellenangaben und Referenzen

  • Bußler, H. (2013). Alt- und Totholz – Lebensraum für typische und gefährdete Arten/-gruppen. In Natura 2000 im Wald: Lebensraumtypen, Erhaltungszustand, Management: Referate und Ergebnisse der gleichnamigen Fachtagung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) in Kooperation mit der Alfred-Toepfer-Akademie für Naturschutz (NNA) in Schneverdingen vom 18. Bis 21. September 2011 (S. 105–113). Bundesamt für Naturschutz.
  • Bütler, R., Lachat, T., & Schlaepfer, R. (2005). Grundlagen für eine Alt- und Totholzstrategie der Schweiz (S. 100). Laboratorium für Ökosystemmanagement Eidgenössische Technische Hochschule.
  • Hanski, I. (2011). Habitat Loss, the Dynamics of Biodiversity, and a Perspective on Conservation. Ambio, 40(3), 248–255. https://doi.org/10.1007/s13280-011-0147-3
  • Kraus, D., Krumm, F., & European Forest Institute (Hrsg.). (2016). Integrative Ansätze als Chance für die Erhaltung der Artenvielfalt in Wäldern (W. Kraus & A. Schuck, Übers.). European Forest Institute.
  • Moning, C. (2013). Wie viel ist nötig? Ökologische Schwellenwerte für den Bergmischwald. Ornis, 2(13), 7–11.
  • Müller, M., Lachat, T., & Bütler, R. (2012). Wie gross sollen Altholzinseln sein? Schweizerische Zeitschrift fur Forstwesen, 163, 49–56. https://doi.org/10.3188/szf.2012.0049
  • Weiss, J., & Köhler, F. (2005). Erfolgskontrolle von Maßnahmen des Totholzschutzes im Wald. Einzelbaumschutz oder Baumgruppeneraltung, 26–29.

Rückfragen

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