Erfasste Populationen seit 1970 um durchschnittlich 73 Prozent geschrumpft – Lebensraumzerstörung größte Bedrohung – Schutzmaßnahmen ermöglichen Erholung einzelner Arten + BILDER und VIDEOS
Osttirol: Neue Umwelt-Allianz fordert Ausbau-Stopp für alle Kraftwerksprojekte im Isel-Gebiet
Gemeinsames Manifest gegen Kraftwerks-Welle an die Tiroler Landesregierung übermittelt: Umwelt-Allianz will einzigartige Wildflusslandschaft in Osttirol bewahren: Neues Naturschutzgebiet gefordert

Lienz / Innsbruck, am 18. November 2020. Gleich sieben Wasserkraft-Projekte bedrohen derzeit die Flüsse im Einzugsgebiet der Isel. Damit würde eine einzigartige Wildfluss-Landschaft für immer zerstört. Eine neue Umwelt-Allianz fordert daher jetzt den sofortigen Stopp für alle Kraftwerksbauten im Isel-Gebiet. In einem gemeinsamen Manifest an die Tiroler Landesregierung schlagen die über 40 unterstützenden Organisationen die Ausweisung der gesamten Isel und ihrer Zubringer als Naturschutzgebiet vor. „Die Lebensadern Osttirols sind bedroht, weil einzigartige Ökosysteme verbaut und ausgebeutet werden sollen. Dennoch sieht die Politik bisher tatenlos zu, wie ein Kraftwerk nach dem anderen geplant und durchgeboxt wird“, sagt WWF-Gewässerschutz-Expertin Marianne Götsch. „Durch ein neues Naturschutzgebiet könnten die Isel und ihre Zubringer für die Nachwelt gesichert werden. Ansonsten befürchten wir, dass immer wieder eindeutig naturschädliche Projekte mit einer politischen Weisung durchgedrückt werden.“
Durch die Kraftwerks-Welle im Einzugsgebiet der Isel würde der Hauptfluss geradezu amputiert und Wasser über insgesamt 42 Flusskilometer abgeleitet werden. „Erst wurde das Kraftwerk Lesachbach mittels politischer Weisung bewilligt, dann nach unzureichender Prüfung der Ausbau des Kraftwerks Schwarzach und als nächstes droht eine neue Anlage am Kalserbach. In Summe drohen all diese Kraftwerke unsere einzigartige Wildflusslandschaft trotz Schutzgebiet zu zerstören“, sagt Renate Hölzl, Obfrau vom Verein zum Schutz der Erholungslandschaft Osttirol (VEO). „Die Bewahrung intakter Natur hat in Osttirol viel Wertschöpfung in die Region gebracht, wie man aktuell deutlich am Iseltrail sieht. Verbauen wir unsere Flüsse so verbauen wir unsere Zukunft. Deshalb rufen wir gemeinsam dazu auf unser wertvolles Naturerbe für zukünftige Generationen zu erhalten.“
Fischerei-Verband und Wissenschaft warnen vor Verbauung
Die Isel ist der größte frei fließende Gletscherfluss der österreichischen Alpen. Gemeinsam mit ihren größten Zubringerflüssen, Kalserbach, Schwarzach und Tauernbach, bildet sie eine seltene Wildflusslandschaft und ist ein wichtiger Lebensraum für viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten. „Mehrere Verbauungen im Einzugsgebiet der Isel üben bereits heute großen Druck auf das Gletscherfluss-System aus. Dies führt unter anderem dazu, dass die Fischbestände dramatisch eingebrochen sind, insbesondere jene der gefährdeten Äsche,“ so Zacharias Schähle, Geschäftsstellenleiter des Tiroler Fischereiverbands.
„Wenn die geplanten Kraftwerke an den ökologisch bedeutenden Zubringern tatsächlich umgesetzt werden, belastet dies das gesamte Fluss-Ökosystem der Isel maßgeblich“, warnt Dr. Susanne Muhar von der Universität für Bodenkultur (BOKU). „Gletscherfluss-Systeme wie das der Isel sind für die Wissenschaft unentbehrliche Referenzflüsse von internationaler Bedeutung. Diese einmalige, vernetzte Flusslandschaft ist einer der letzten Orte, wo wir hautnah sehen, erleben und erforschen können wie naturnahe, gletschergeprägte Alpenflüsse funktionieren.“
Auch Dr. Reinhard Steurer, BOKU-Professor für Klimapolitik, fordert den Schutz der betroffenen Ökosysteme: „Die Abkehr von Erdöl und Erdgas ist eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Sie rechtfertigt allerdings nicht irreversible Naturzerstörung, schon gar nicht in unmittelbarer Nähe des größten Nationalparks Österreichs. Gerade weil die Klimakrise sensible Ökosysteme gefährdet, müssen wir diese vor weiterer Zerstörung durch die Menschen schützen.“
Naturschutzbund sieht Schatzkammer der Natur bedroht
Im Isel-System befindet sich zum Beispiel die Tirol-weit größte Population des stark gefährdeten Flussuferläufers. Dieser zierliche Vogel legt seine perfekt getarnten Eier auf Kiesbänken im Fluss ab. Die Verbauung von Flüssen raubt dem Flussuferläufer den Lebensraum. Dasselbe gilt für weitere auf Wildflüsse angewiesene Arten wie die Deutsche Tamariske (ein Strauchgewächs), Türks Dornschrecke oder den Flussregenpfeifer. Roman Türk, Präsident des Naturschutzbundes Österreich sagt dazu: „Die sensiblen Ökosysteme entlang von Wildflusslandschaften sind auf eine intakte Flussdynamik und ein durchgängiges Netzwerk aus Hauptfluss und kleineren Flüssen angewiesen. Durch die Verbauung geht ihre Vielfalt für immer verloren.“
Das vom WWF Österreich und dem Verein Erholungslandschaft Osttirol (VEO) initiierte Isel-Manifest wird unterstützt von 41 Organisationen aus den Bereichen Umwelt-, Natur- und Klimaschutz, Fischerei, Privatwirtschaft und Wildwassersport. Darunter sind der Naturschutzbund, der Alpenverein, BirdLife, die Naturfreunde, der Umweltdachverband, der Österreichische Fischereiverband und der Österreichische Kajakverband. Dazu kommen weitere zehn Stimmen aus der Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Rückfragehinweis:
Mag. Volker Hollenstein
Leiter Politik & Kommunikation WWF Österreich
E-Mail: volker.hollenstein@wwf.at
Tel: +43 664 501 31 58
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