EU-Kommission kündigt Überprüfung zentraler Naturschutz-Richtlinien für 2027 an – WWF warnt vor leichteren Abschüssen und mehr Eingriffen in Schutzgebiete – „Wild sein ist kein Verbrechen“
WWF-Analyse stellt Tiroler Abschuss von Forschungswolf infrage

Eine aktuelle WWF-Auswertung der Standortdaten stellt infrage, ob der getötete Forschungswolf Mirco zu Recht der Tiroler Abschussverordnung zugeordnet wurde. Das Land Tirol hatte sein Vorgehen mit wiederholten Sichtungen „in unmittelbarer Nähe zu Wohnhäusern“ sowie mit Bild- und Videonachweisen begründet. Laut den Standortdaten seines Senderhalsbandes war Mirco am Tag der Abschussverordnung allerdings nicht in Österreich. Später hielt sich das Tier nur rund zwei Stunden mitten in der Nacht nahe Schlitters auf und bewegte sich danach bis zu seiner Tötung am 21. Juni abseits von Ortschaften in alpinem Gelände. „Die vorliegenden Daten zeigen einen unauffällig wandernden Wolf, keinen Risikofall. Die Landesregierung muss erklären, warum Mirco trotzdem getötet wurde und wie eine Verwechslung ausgeschlossen wurde. Es darf nicht sein, dass geschützte Wildtiere allein schon für ihre Existenz bestraft werden“, sagt WWF-Experte Christian Pichler. Generell zeige der Fall ein völlig überschießendes Wolfsmanagement, das selbst wissenschaftlich besenderte Tiere nicht ausreichend schützt.
Der wissenschaftliche Projektleiter Marco Apollonio kritisiert gegenüber dem WWF erneut den Umgang der Behörden mit den übermittelten Standortdaten. Laut seinen Angaben wurden die Behörden bereits nach dem ersten Grenzübertritt des Wolfs informiert, ab 11. Juni dann regelmäßig. „Es ist schwer nachzuvollziehen, warum der Wolf erschossen wurde, obwohl man wusste, wo er sich befand. Vielleicht hat das Wissen über seinen Standort die Tötung sogar erleichtert“, erklärt Apollonio gegenüber dem WWF. Die Umweltschutzorganisation fordert daher die Offenlegung aller Daten, Bilder, Videos und Entscheidungsgrundlagen des Falls durch die Landesregierung: welche Sichtungen und Nachweise lagen der Verordnung vom 2. Juni zugrunde, warum wurden sie Mirco zugeordnet und welche Rolle spielten die übermittelten Standortdaten bei der späteren Tötung?
Die Standortdaten zeichnen Mircos letzte Reise bis zum Abschuss nach: Er wanderte am 20. Mai erstmals aus Italien nach Österreich, war am 1. Juni aber schon wieder in Südtirol. Am 2. Juni, dem Tag der Abschussverordnung, befand sich der Wolf somit nicht in Österreich. Erst am 4. Juni gelangte er erneut ins Land. In der Nacht auf den 7. Juni hielt sich Mirco nur rund zwei Stunden in einem Waldgebiet südwestlich von Schlitters auf. Bereits gegen 6 Uhr war er wieder rund sechs Kilometer entfernt unterwegs. In den folgenden 14 Tagen bis zu seinem Abschuss am 21. Juni bewegte sich das Tier etwa 10 bis 15 Kilometer von Schlitters entfernt in alpinem Gelände auf rund 1.900 bis 2.100 Metern Seehöhe.
Auch die letzte Beute des Wolfs spricht gegen die Darstellung eines problematischen Tieres. Laut WWF-Informationen aus dem italienischen Forschungsprojekt handelte es sich um ein Stück Rehwild, also um natürliche Beute. Hinweise auf eine letzte Nutztiertötung liegen demnach bisher nicht vor. „Mirco hat sich nach allem, was wir bisher wissen, wie ein normaler Wolf in freier Wildbahn verhalten. Daher braucht es jetzt eine fachliche und politische Aufarbeitung dieses höchst fragwürdigen Abschusses“, sagt Pichler. Zugleich fordert der WWF eine grundlegende Reform des Tiroler Wolfsmanagements.
Über Forschungswolf Mirco
Mirco war zum Zeitpunkt seiner Tötung mitten in jener Wanderphase, die das Forschungsprojekt dokumentieren sollte. Der rund zwei Jahre alte und 31 Kilo schwere Rüde stammte ursprünglich aus dem Nationalpark Dolomiti Bellunesi. Im März wurde er mit einem Senderhalsband ausgestattet, Anfang Mai verließ er sein Herkunftsrudel und zog über Cadore, die Drei Zinnen und Südtirol bis nach Tirol. Sein weiterer Weg hätte wertvolle Daten darüber geliefert, wie junge Wölfe neue Gebiete suchen, alpine Lebensräume nutzen und sich zwischen den Populationen im Alpenraum bewegen. Solche Erkenntnisse helfen auch dabei, Herdenschutz, Monitoring und Konfliktprävention gezielter zu planen. Das Forschungsprojekt wird vom Nationalpark Belluneser Dolomiten, der Universität Sassari und der Provinz Belluno getragen.
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