Erfasste Populationen seit 1970 um durchschnittlich 73 Prozent geschrumpft – Lebensraumzerstörung größte Bedrohung – Schutzmaßnahmen ermöglichen Erholung einzelner Arten + BILDER und VIDEOS
WWF warnt vor Massen-Abschuss von Fischottern in Niederösterreich
Wien/ St. Pölten, 18.10.2019 – Auf Basis einer neuen Verordnung will das Land Niederösterreich über drei Jahre insgesamt bis zu 180 Fischotter abschießen lassen, wie aus einem aktuellen Begutachtungsentwurf hervorgeht. „Das wäre ein weiterer grausamer Angriff auf eine streng geschützte Art und ein massiver Rückschritt für den Artenschutz. In dieser Form widerspricht der Entwurf auch den Vorgaben des europäischen Naturschutzrechts. Es fehlt schlicht die Grundlage für einen derart drastischen Eingriff“, sagt Christina Wolf-Petre von der Naturschutzorganisation WWF Österreich auf Basis einer umweltjuristischen Bewertung. Denn die Abschüsse haben keine fundierte Basis, es gibt immer noch keinen vollständigen Managementplan mit relevanten Informationen und Vorgaben zu Präventionsmaßnahmen, Monitoring, Dokumentation und Berichtslegung. Auch die aus Sicht des Landesverwaltungsgerichts notwendige Naturverträglichkeitsprüfung fehlt nach wie vor komplett. „Entnahmen von streng geschützten Tieren dürfen immer nur das letzte Mittel sein, die Landesregierung macht es aber genau umgekehrt. Mangels belastbarer Fakten wird erneut der Fischotter zum Sündenbock für eigene Versäumnisse gemacht“, kritisiert Wolf-Petre und fordert die Rücknahme der geplanten Verordnung.
Laut Entwurf sollen bis 2023 jährlich bis zu 60 Fischotter „entnommen“ werden. In der Praxis würden demnach bis zu 180 Fischotter entweder direkt mit Langwaffen abgeschossen oder zuerst gefangen und danach getötet werden. „Wir verstehen die Sorgen der Teichwirte und Fischereiverbände. Gerade deshalb braucht es einen breit abgestimmten Managementplan, der auch den Betroffenen weiterhilft und langfristige Lösungen ermöglicht“, sagt WWF-Expertin Wolf-Petre. Die dazu seit März 2018 unter Schirmherrschaft der Niederösterreichischen Umweltanwaltschaft laufenden Arbeiten am „Runden Tisch Fischotter“, unter Beteiligung aller relevanten Interessensgruppen, die mit viel Engagement an einer gemeinsamen Lösung gearbeitet haben, werden mit der geplanten Verordnung völlig konterkariert. „Seitens des Landes war das offensichtlich nur eine Alibiaktion“, kritisiert Wolf-Petre.
Der WWF Österreich fordert nachhaltige Lösungen, um die heimischen Fischbestände zu sichern. „Der Rückgang der Fische liegt hauptsächlich an langfristigen Verbauungen, Stauraumspülungen, zu geringen Restwasserständen und der Ausbreitung von Krankheiten, auch aufgrund falscher Besatzmethoden. Klar ist: Alle negativen Faktoren müssen gemeinsam und gezielt bekämpft werden anstatt nur den Fischotter zum Sündenbock abzustempeln. Gesunde Fischbestände brauchen gesündere Lebensräume“, bekräftigt die Biologin Wolf-Petre. „Aufklärung, Beratung und eine Vielfalt an vorbeugenden Maßnahmen an Teichen wären ebenso wichtig wie Entschädigungen, wenn trotzdem etwas passiert.“
„Bisherige Tötungen von Fischottern haben bereits zu unnötigem Tierleid geführt“, sagt Wolf-Petre und verweist auf die Tötungen eines Fischotter-Weibchens in der Schonzeit oder eines säugenden Muttertieres, wodurch Jungtiere qualvoll verendet sind. „Die zuständige Behörde darf diese wichtigen Fakten nicht einfach ignorieren und weiterhin ein naturschutzfachlich und tierschutzrechtlich fragwürdiges Vorgehen fördern. Niederösterreich wird in Sonntagsreden gerne als ‚Naturland Nummer 1‘ bezeichnet, in Wirklichkeit schießt es aber wichtige Bestandteile seiner Natur wie den Fischotter massenweise und sinnlos ab“, betont Wolf-Petre.
Land will Naturschutz-Einbindung aushebeln
Der WWF Österreich hat mit seinen Einsprüchen gegen die bisherigen Bescheide vor Gericht zwei Mal Recht bekommen. Anstatt daraus die fachlich richtigen Lehren zu ziehen und die dargelegten Mängel zu beseitigen, will das Land mit dem geplanten Wechsel auf eine Verordnung jetzt die Parteistellung von Umweltschutzorganisationen und Umweltanwaltschaft aushebeln. „Das zeigt nicht nur eine mangelnde Wertschätzung für den Artenschutz, sondern widerspricht auch völkerrechtlich verankerten Rechten. Natur und Umwelt können sich nicht selbst wehren und brauchen daher eine starke Stimme im Verfahren“, schließt Wolf-Petre.
Rückfragehinweis:
Mag. Florian Kozák
Pressesprecher WWF Österreich
florian.kozak@wwf.at
+43 676 83 488 276
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