WWF-Bilanz: Diese Tiere sind die Gewinner und Verlierer des Jahres 2022

29. Dezember 2022 | Arten, Presse-Aussendung

Rote Liste gefährdeter Arten so lang wie noch nie – Rentiere, Breitmaulnashörner und Störe als Verlierer – Gewinner: Seeadler in Österreich, Buckelwale und Haie – WWF fordert ambitionierte Umsetzung des neuen globalen Artenschutz-Abkommens

Für tausende bedrohte Wildtierarten war 2022 kein gutes Jahr. Stellvertretend dafür macht der WWF Österreich auf einige davon aufmerksam: Rentieren, Breitmaulnashörnern und Stören geht es immer schlechter. “Erderhitzung, Flächenfraß, Überfischung und Wilderei machen ihnen und vielen weiteren Arten das Überleben schwer. Weltweit sind mehr als 41.500 von etwa 147.500 erfassten Tier- und Pflanzenarten auf der Roten Liste als bedroht eingestuft – das ist mehr als jemals zuvor”, sagt Georg Scattolin, Leiter des Internationalen Programms des WWF Österreich. Der diesjährige Living Planet Report des WWF zeigt einen dramatischen Artenschwund: Die Bestände der beobachteten Wildtierarten sind seit 1970 um durchschnittlich 69 Prozent eingebrochen. Die Naturschutzorganisation warnt vor einer „katastrophalen Zuspitzung des weltweiten Artensterbens“ und fordert in Österreich und darüber hinaus mehr Einsatz der Politik beim Naturschutz. Denn bis zu eine Million Arten könnten in den nächsten Jahrzehnten aussterben, wenn keine Trendwende erfolgt.

Lichtblicke und tierische Gewinner zeigt die WWF-Jahresbilanz überall dort, wo Menschen intensiv Natur- und Artenschutz betreiben. Der heimische Seeadler ist ein Paradebeispiel dafür. Ein Meilenstein ist 2022 beim Schutz von Haien und Rochen gelungen: 54 Arten aus der Familie der Grundhaie, sechs Arten von Hammerhaien und 37 Arten von Geigenrochen werden nun weltweit strenger geschützt – erlaubt ist internationaler Handel mit ihnen in Zukunft nur noch, wenn ihre Bestände dadurch nicht gefährdet werden. „Die tierischen Gewinner geben Hoffnung. Sie zeigen, was in Zeiten von Artensterben, Klimakrise und Pandemien möglich ist“, sagt Georg Scattolin vom WWF Österreich.

Der Verlust an Artenvielfalt und die Erderhitzung sind die immer stärkeren Folgen der Ausbeutung unseres Planeten: „Ist die Erde krank, werden es auch die Menschen. Wir sind auf funktionierende Ökosysteme und Artenvielfalt für unser eigenes Überleben angewiesen“, erklärt Georg Scattolin. Im Dezember hat sich die Weltgemeinschaft bei der Weltnaturkonferenz in Montréal auf ein neues Abkommen zum Erhalt der biologischen Vielfalt geeinigt. Dieses müsse nun lückenlos und ambitioniert umgesetzt werden, fordert die Naturschutzorganisation. Auch in Österreich gibt es Handlungsbedarf – die im Dezember präsentierte Biodiversitäts-Strategie wartet ebenfalls auf Umsetzung. “Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, die Pläne liegen am Tisch. Jetzt müssen den Worten endlich Taten folgen”, fordert Georg Scattolin.

Das sind die Verlierer: 

Rentier
Der Bestand der weltweit größten Population von wildlebenden Rentieren ist von 417.000 im Jahr 2014 auf 250.000 Tiere eingebrochen. Im Jahr 2000 bestand diese in der Taimyr-Region in der russischen Arktis lebende Population noch aus einer Million Tiere. Besonders die Klimakrise und Wilderei bedrohen Rudolfs wilde Verwandte.

Schwebfliegen in Europa
Mehr als ein Drittel aller Schwebfliegenarten in Europa (314 von 890 Arten) sind laut der neuen Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) durch Landnutzungswandel, Pestizideinsatz und Klimakrise bedroht. Ein schwerwiegender Verlust: Schwebfliegen sind nach Bienen die zweitwichtigsten Bestäuber und helfen bei der Kontrolle von Blattläusen. Die Flugkünstler können zudem wie Kolibris in der Luft stehen und blitzartige Manöver sowohl im Vorwärts- wie im Rückwärtsgang fliegen.

Breitmaulnashorn
Nashörner leben schon seit über 50 Millionen Jahren auf unserem Planeten und haben Eiszeiten überlebt. Für ihr Horn werden die Kolosse brutal verfolgt und gewildert. In den letzten 9 Jahren sind in Afrika die Bestände von Breitmaulnashörnern durch Wilderei von 20.600 auf knapp 16.000 Tiere gefallen.

Kaiserpinguin
Ein schlechtes Jahr für den Kaiserpinguin. Im Sommer verpasste es die Antarktis-Konferenz, die größte Pinguinart als besonders geschützte Art auszuweisen. Im Oktober verhinderten dann erneut zwei Staaten die geplante Ausweisung von Meeresschutzgebieten im Südpolarmeer. Im November endete dann auch noch die UN-Klimakonferenz enttäuschend. Bei den derzeitigen CO2-Emissionen drohen zwischen 80 und 100 Prozent aller bekannten Kaiserpinguin-Kolonien bis 2100 nahezu zu verschwinden.

Störe und Löffelstöre
Sieben der acht in Europa vorkommenden Störarten sind vom Aussterben bedroht, seit diesem Jahr gilt nun auch die achte offiziell als stark gefährdet. Den Glattdick, dessen letzte Bestände in Europa in der Donau schwammen, hat die IUCN dort für ausgestorben erklärt. Um die Störartigen steht es überall auf der Welt dramatisch: Alle überlebenden 26 Arten sind laut der 2022 aktualisierten Roten Liste akut gefährdet, fast zwei Drittel davon sogar direkt vom Aussterben bedroht. Der chinesische Schwertstör gilt nun offiziell als ausgestorben, der Jangtse-Stör ist in der Natur ausgestorben. Der WWF fordert daher, freifließende Flüsse weltweit zu schützen. Zudem muss der illegale Handel mit Störfleisch und Kaviar beendet werden.

Fischotter in Österreich
Erst im Dezember verlängerte die Kärntner Landesregierung ihre Fischotter-Tötungsverordnung EU-rechtswidrig um weitere zwei Jahre. Auch Salzburg erließ 2022 eine Verordnung zur Tötung von 57 Fischottern. Die Behauptung, die Tiere seien für die Gefährdung von Fischbeständen hauptverantwortlich, hält keiner wissenschaftlichen Prüfung stand. Fische leiden vor allem unter der Verbauung, Verschmutzung und Übernutzung von Gewässern. Die Fischotter dienen lediglich als Sündenböcke.

…und das sind die Gewinner:

Seeadler in Österreich
Im Jahr 2000 galten Seeadler in Österreich noch als ausgestorben. Heute gibt es wieder um die 50 Brutpaare von Österreichs Wappentier und damit eine stetig wachsende, stabile Population. Eine absolute Erfolgsgeschichte im heimischen Naturschutz. Länderübergreifende Maßnahmen und das Schutz- und Forschungsprogramm des WWF haben maßgeblich zur Rückkehr der majestätischen Greifvögel beigetragen.

Tiger
Im chinesischen Kalender war 2022 das Jahr des Tigers. Aktuellen Zählungen zufolge gab es seit dem letzten Tigerjahr 2010 einen Zuwachs von 50 Prozent auf nunmehr 4.500 bis 5.000 Tiger. Besonders erfreulich sind die Zahlen in Nepal: Dort leben wieder 355 Tiere der bedrohten Großkatzen – fast dreimal mehr als 2009 geschätzt wurden.

Haie und Rochen
Die Weltartenschutzkonferenz CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) beschloss im November den besseren Schutz von Grundhaien, Hammerhaien und Geigenrochen. Erlaubt ist internationaler Handel mit ihnen nur noch, wenn ihre Bestände dadurch nicht gefährdet werden. Über 90 Prozent aller international gehandelten Hai- und Rochenarten werden damit vor unreguliertem und nicht-nachhaltigem Handel geschützt. Eine wichtige Entscheidung, denn ein Drittel der Hai- und Rochenarten sind bedroht, die mit Abstand größte Bedrohung ist die Überfischung.

Buckelwal in Australien
Die Buckelwale in Australien konnten 2022 von der dortigen Liste der bedrohten Arten gestrichen werden. Ihre Zahl ist in australischen Gewässern von ehemals 1.500 auf 40.000 bis 65.000 gestiegen. Dennoch bleiben akute Gefahren wie Fischerei, Schifffahrt und Umweltverschmutzung bestehen, wie ein WWF-Bericht zeigte. Mehr Schutz ist daher nach wie vor dringend nötig.

Unechte Karettschildkröte
In den USA und auf den Kapverdischen Inseln, zwei ihrer drei wichtigsten Brutgebiete, wurden in letzter Zeit so viele Nester der Unechten Karettschildkröten gefunden, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Alleine auf den Kapverden hat sich die Anzahl der Nester seit 2015 etwa verzwanzigfacht. Die Bestände der gefährdeten Meeresschildkröte erholen sich zwar, der Erfolg könnte allerdings von der Klimakrise zunichte gemacht werden.

 

Fotos und O-Töne: https://wwf-bilder.px.media/share/1671613853X3VTJrRAG0699f

Videomaterial: https://hive.panda.org/Share/473rgl1p0fpioa283582df3x51w4lyr5

Rückfragen

Valentin Ladstätter
Pressesprecher, WWF Österreich

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