© 2013 Christian Krammer

Der Neusiedler See
und die Lacken des Seewinkels

Tausende Jahre altes Naturjuwel

Der Neusiedler See ist ein faszinierender und europaweit bedeutender Lebensraum mit einer außergewöhnlichen Flora und Fauna. Es gibt ihn bereits seit über 13.000 Jahren – also in etwa seit dem Ende der letzten Eiszeit. Die außergewöhnlichen Salzlacken östlich des Sees sind nochmal um 5.000 Jahre älter. Heute ist der Neusiedler See der größte See Österreichs und der westlichste Steppensee Europas. Wir sind dem Gebiet seit jeher stark verbunden – der WWF Österreich wurde 1963 aus Sorge um die „Lange Lacke“, die wichtigste Lacke des Seewinkels, gegründet. Zähe Verhandlungen und zahlreiche Spenden führten zur Rettung des Vogelparadieses und gipfelten 1993 in der Errichtung des Nationalparks „Neusiedler See-Seewinkel“.

Heimat für seltene Tier- und Pflanzenarten

Das Neusiedler See-Gebiet zeichnet sich durch ein buntes Mosaik an natürlichen Lebensräumen aus: neben dem See mit seinem riesigen Schilfgürtel wird das Bild der Landschaft vor allem durch die seichten, salzhaltigen Gewässer des Seewinkels geprägt. Diese so genannten „Lacken“ sind von Salzsümpfen, Salzsteppen, Trockenrasen und stellenweise auch Niedermooren umgeben. Die pannonischen Salzlebensräume gehören zu den Juwelen des europäischen Naturschutzes. Auch der Schilfgürtel des Sees ­­– ­­ eines der größten Schilfgebiete Europas ­­– ist von besonderer Bedeutung für den gesamten Kontinenten. Der Schilfgürtel beherbergt eine Fülle von Vogelarten, in international bedeutenden Beständen. Die im Schilfgürtel lebenden Arten sind eng an die besonderen Merkmale des Neusiedler Sees angepasst. Als echter Steppensee unterliegt er nämlich starken Wasserstandschwankungen, die zwischen völliger Austrocknung und tiefer Überflutung pendeln. Da der See ursprünglich abflusslos war, ist er leicht salzhaltig. Ein weiteres, besonderes Kennzeichen des Sees, ist seine Trübe: Salzgehalt, geringe Wassertiefe und die ständige Windbewegung sorgen dafür, dass winzige Mineralteilchen in Schwebe bleiben und das, an sich saubere, Wasser des Sees undurchsichtig bleibt.

Das große Lackensterben

Im europäischen Binnenland sind salzhaltige Gewässer Raritäten: Man findet sie nur im Seewinkel und der großen ungarischen Tiefebene. Ganze 80 % der pannonischen Salzlebensräume wurden in den letzten eineinhalb Jahrhunderten bereits zerstört. Gab es 1858 im Seewinkel noch 139 Lacken, so ist ihre Zahl bis 2013 auf nur mehr etwa 26 geschrumpft – bei 19 weiteren ist der Niedergang so weit fortgeschritten, dass mit ihrem baldigen Verschwinden gerechnet werden muss. Der WWF Österreich arbeitet aktuell intensiv an der Erhaltung der Salzlebensräume und am Schutz des Schilfgürtels des Neusiedler Sees.

Fläche

  • Neusiedler See: 32.100 Hektar
  • Westlichster Steppensee Europas: 47° 49′ N, 16° 45′ O
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Zahlen & Fakten

  • Der Neusiedler See besteht seit mehr als 13.000 Jahren und war nie tiefer als heute
  • Die Salzlacken des Seewinkels entstanden am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 18.000 Jahren
  • Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees ist mit seinen 17.800 Hektar einer der größten Röhrichtbestände Europas
  • Die Pannonischen Salzsteppen und Salzwiesen sind „Prioritäre Lebensräume“ nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL)
  • 1993 Errichtung des Nationalparks „Neusiedler See-Seewinkel / Fertő-Hanság Nemzeti Park“ als gemeinsames, grenzüberschreitendes Schutzgebiet zwischen Österreich und Ungarn

Tierwelt

  • Silberreiher
  • Mariskensänger
  • Säbelschnäbler
  • Donau-Kammmolch

Bedrohungen

Das bedroht den Neusiedler See

Bedrohung 1: Schädigung des Schilfgürtels

In den letzten Jahren ist es zu tiefgreifenden Veränderungen im Schilfgürtel gekommen. Dahinter stehen sowohl natürliche Alterungsprozesse und zu geringe Wasserstandsschwankungen, als auch Schäden, die durch unsachgemäße Schilfernte verursacht worden sind. Diese Veränderungen sind bereits auf 50 % der  gesamten Fläche sichtbar und führen dazu, dass schilfgebundene Tierarten ihren Lebensraum verlieren. Dies wirft die Frage auf, wie künftig mit dem Schilfgürtel umzugehen ist, damit sein naturschutzfachlicher Wert, aber auch seine Ökosystemleistungen – die uns allen nutzen – dauerhaft erhalten bleiben können.

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DES SCHILFGÜRTELS SIND BEREITS STARK VERÄNDERT

Bedrohung 2: Schädigung des Salz- und Wasserhaushalts

Die pannonischen Salzlacken und Salzsteppen sind stark bedroht. Entwässerungsgräben bewirken eine großflächige Absenkung des Grundwasserspiegels, wodurch die überlebenswichtige Salzanreicherung im Untergrund der Lacken unterbrochen wird. Zusätzlich werden klimawandelbedingt immer größere Mengen an Grundwasser für die Landwirtschaft entnommen, wodurch das Grundwasser noch weiter absinkt. Außerdem  wird aus jagdlichen Gründen in manche Lacken salzarmes Wasser zugeleitet, wodurch ihr Salzgehalt schwindet und Tonböden der Lacken undicht werden.

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DER PANNONISCHEN SALZLEBENSRÄUME WURDEN IN DEN LETZTEN 150 JAHREN ZERSTÖRT

Bedrohung 3: Künstliche Wasserzuleitung zum See

Weil der Neusiedler See als echter Steppensee regelmäßig zwischen tiefer Überflutung und gänzlicher Austrocknung pendelt, besteht seitens der Tourismuswirtschaft die Sorge, dass der See demnächst wieder trockenfallen könnte. Daher werden derzeit Pläne geschmiedet, Donauwasser in den See zu leiten, um ihn ständig für den Bade- und Bootstourismus nutzen zu können. Doch dies hätte katastrophale ökologische Folgen. Der See braucht regelmäßige Trockenphasen, in denen sich der angesammelte Schlamm an der Luft zersetzen kann. Außerdem schützen der Salzgehalt und die starke Trübe den See seit Jahrtausenden vor schneller Verlandung, indem sie verhindern, dass sich abgestorbenes pflanzliches Material als Schlamm auf dem Seegrund ansammelt und den seichten See nach und nach ausfüllt. Die Zuleitung von Donauwasser würde den Salzgehalt dramatisch senken und die Trübe zum Ausfallen bringen, was letztlich zum Verschwinden des Sees führen würde. Auch der Schilfgürtel des Sees benötigt gelegentliches Niedrigwasser, um sich regenerieren zu können. Eine gleichmäßige Wasserführung entspricht nicht dem natürlichen Wasserhaushalt eines Steppensees, der von den Extremen lebt.

Neusiedlersee

Lösungen

So können wir den Neusiedler See und die Lacken des Seewinkels schützen

Lösung 1: Naturschutzgerechter Umgang mit dem Schilfgürtel

Um den Schilfgürtel als geeigneten Lebensraum für verschiedene Arten erhalten zu können, muss der Umgang mit den Schilfbeständen neu geregelt werden. In der Kernzone des Nationalparks muss auch weiterhin der unbeeinflusste Ablauf natürlicher Prozesse absoluten Vorrang haben, hier darf nicht in den Schilfgürtel eingegriffen werden. Auf unbewirtschafteten Flächen außerhalb des Nationalparks sollte hingegen eine umsichtige Pflege dafür sorgen, dass immer ausreichend Schilf verschiedener Altersklassen vorhanden ist. Denn die verschiedenen Schilfvogelarten benötigen unterschiedlich altes und unterschiedlich dichtes Röhricht sowie einen unterschiedlichen Anteil an umgebrochenem, mehr oder weniger verfilztem Schilf. Auf bewirtschafteten Flächen müssen schonende Bewirtschaftungsmethoden zum Einsatz kommen, die auch die Veränderungen berücksichtigen, die der Klimawandel mit sich bringt. Um Schilfbestände außerhalb des Nationalparks schonend verjüngen zu können, sollte ein kontrollierter Einsatz von Feuer erprobt werden – sowohl zu Pflegezwecken, als auch im Rahmen der Bewirtschaftung.

Schilfgürtel

Lösung 2: Wiederherstellung der Salzlacken

Für den Erhalt der Salzlacken braucht es einen hohen Grundwasserspiegel, der auch in der heißen Jahreszeit nicht viel mehr als einen Meter unter die Bodenoberfläche fällt. Doch die vielen Entwässerungsgräben, die in den letzten 100 Jahren gebaut wurden und die (vom Klimawandel angefeuerte) Entnahme von Grundwasser zur landwirtschaftlichen Bewässerung sorgen dafür, dass der Grundwasserspiegel nun schon ganzjährig tiefer als 70 Zentimeter unter der Oberfläche liegt – mit tödlichen Folgen für die Salzlebensräume. Durch ein konsequentes Sperren der Entwässerungsgräben und eine drastische Reduktion der Wasserentnahmen könnte der Grundwasserspiegel wieder angehoben werden. Allerdings müsste sich dazu auch die Landwirtschaft im Seewinkel neu orientieren und auf wasserbedürftige Kulturpflanzen wie Erdäpfel und Mais verzichten. Auch der ständigen Erweiterung von Siedlungsflächen in ehemalige Lacken- und Sumpfflächen hinein müsste ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden.

LACKEN GIBT ES HEUTE IM SEEWINKEL (STAND 2013). IM JAHR 1858 WAREN ES NOCH 139.

Lösung 3: Naturnahen Wasserhaushalt zulassen

Der WWF fordert die Wiederherstellung eines möglichst naturnahen Wasserhaushaltes am Neusiedler See. Das bedeutet, dass in den immer wiederkehrenden Hochwasserphasen möglichst viel Wasser im See zurückgehalten werden muss, um Vorräte für die ebenso unweigerlich folgenden Dürrezeiten zu bilden. Derzeit wird in nassen Jahren noch immer unnötig viel Wasser aus dem See abgeleitet. Mit dem Wasser fließt auch kostbares Salz davon. Statt Wasser und Salz abzuleiten, sollten alte Überschwemmungsräume im Südosten des Sees wieder angebunden werden, um Hochwässer aufzufangen und insgesamt mehr Wasser im See halten zu können. Wenn in Trockenperioden der Wasserstand sinkt, dann sollte nichts dagegen unternommen werden, denn gelegentliches Niedrigwasser und vereinzelte Austrocknungsereignisse halten den Neusiedler See langfristig am Leben. Trockenperioden müssen in Kauf genommen werden, wenn aus dem salzhaltigen und ursprünglich abflusslosen Steppensee nicht ein von schleimigen Algen bedecktes, und rasch verlandendes Gewässer werden soll. Hier hätte die besondere Fauna und Flora des Sees keinen Platz mehr und auch der Tourismus hätte in Wirklichkeit keine Freude mit den unerwarteten Folgen einer Wasserzuleitung.

 

Neusiedlersee

Unser Ziel ist es, den Steppensee-Charakter des Neusiedler Sees langfristig zu sichern und die pannonischen Salzlebensräume im Seewinkel wiederherzustellen.

Bernhard Kohler

Neusiedler See-Experte , WWF Österreich

Projekte

So schützt der WWF den Neusiedler See und die Lacken des Seewinkels – eine Auswahl an Projekten

Entwicklung nachhaltiger Schilferntetechniken und Monitoring

In diesem Projekt haben der WWF gemeinsam mit BirdLife, dem Technischen Büro Florian Glaser und den Esterhazy Betrieben aktiv den Managementplan für den Neusiedler See umgesetzt. Dabei wurden nicht nur ein Monitoring der Vogel- und Amphibienfauna sowie Luftbildanalysen durchgeführt, sondern auch gemeinsam mit den lokalen Schilferntebetrieben nachhaltige Schilferntemethoden entwickelt.

 

Sanierung von Sodalacken

Das Ziel dieses Projektes ist die Stabilisierung und Verbesserung des ökologischen Zustandes von sechs Lacken des zentralen Seewinkels. Dabei werden verschiedene Methoden untersucht, um die schädliche Wirkung künstlicher Dotation (Wasserzuleitung) der Lacken mit Grundwasser zu reduzieren bzw. ein natürlicheres Grundwasserregime wiederherzustellen. Auch in diesem Projekt arbeiten wir eng mit allen Beteiligten zusammen, um einen nachhaltigen Schutz sicherzustellen.

Kampf gegen eine künstliche Wasserzuleitung zum Neusiedler See

Der WWF Österreich ist davon überzeugt, dass die Erhaltung des Neusiedler Sees als Steppensee und als international anerkanntes Schutzgebiet wichtiger ist, als einseitige Interessen des Bade- und Bootstourismus. Durch Überzeugungsarbeit, Mobilisierung der Öffentlichkeit und durch politischen Druck, soll das zerstörerische Vorhaben einer Donauwasser-Zuleitung verhindert werden, das nicht nur rechtswidrig ist, sondern auch den Nationalparkzielen widerspricht.

 

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Gemeinsam können wir Österreichs artenreichste Lebensräume und ihre Bewohner schützen. Ihre Patenschaft macht den Unterschied.

Häufig gestellte Fragen zum Neusiedler See

Warum ist das Gebiet um den Neusiedler See so bedeutend?

Der Neusiedler See und der angrenzende Seewinkel gehören aus biogeographischer Sicht zum „Pannonicum“, dem westlichsten Ausläufer der eurasiatischen Steppenregion. Hier treffen mitteleuropäische Arten und Lebensgemeinschaften auf Arten aus Osteuropa oder Zentralasien. Zudem machen sich auch mediterrane Einflüsse bemerkbar. Das Resultat ist eine besonders hohe Biodiversität, also eine große Vielfalt des Lebendigen. Besonders exotisch (für mitteleuropäische Verhältnisse) wirken dabei die pannonischen Salzlebensräume – binnenländische Salzstandorte, in denen salzliebende Arten der südeuropäischen Meeresküsten neben Arten aus den west- und zentralasiatischen Steppen und Halbwüsten vorkommen. Der Neusiedler See selbst, die Sodalacken des Seewinkels und die sie umgebenden Brackröhrichte, Salzsümpfe und Salzsteppen gehören zu dieser besonderen Gruppe von Lebensräumen.

Warum wäre eine Zuleitung von Donauwasser tödlich für den Neusiedler See?

Das Wasser des Neusiedler Sees zeichnet sich durch seinen Gehalt an Sodasalz (Natriumcarbonat) aus. Donauwasser hingegen ist reich an Kalziumkarbonat. Der Sodagehalt des Sees ist mitverantwortlich für seine Trübe. Die Trübe trägt ihrerseits dazu bei, die rasche Verlandung des Sees zu bremsen. Würde man kalziumkarbonatreiches Süßwasser in den See leiten, so würde dies zu einer chemischen-physikalischen Reaktion führen, die das Ausfallen der Trübe bewirkt. Der See würde auf einmal klares Wasser bekommen, in das das Sonnenlicht tief eindringen kann. Weil das Wasser des Sees nährstoffreich und warm ist, würden die verbesserten Lichtbedingungen zu einem explosionsartigen Algenwachstum führen, das bisher vor allem durch die Trübepartikel verhindert wurde. Da die salzliebenden Bakterien, die vor der Donauwasserzuleitung anfallendes Algenmaterial hochwirksamen zersetzt haben, dann ebenso fehlen würden wie die Trübepartikel, auf denen die Bakterienrasen gewachsen sind, würde es zu einer raschen Ansammlung von abgestorbenen Algen auf dem Seegrund kommen. Da die Wasserzuleitung ja dazu dienen soll, eine gelegentliche Austrocknung des Sees zu verhindern, würde sich die Ansammlung von organischem Schlamm unter ständiger Wasserbedeckung noch weiter beschleunigen. Der See würde binnen weniger Jahrhunderte, vielleicht sogar schon binnen weniger Jahrzehnte, zu einem Flachmoor werden. Auf dem Weg dahin, würde das ständige Algenwachstum jeglichen Bade-Spaß verhindern. Weiter verschlimmert würde die Situation noch durch die Tatsache, dass eine künstliche Wasserzufuhr zwingend mit einem häufigeren Öffnen des Wehrs am Einserkanal einhergehen würde. Über diesen künstlichen Kanal werden seit 100 Jahren niederschlagsbedingte Hochwässer zur Donau hin abgeleitet. Hält man den Seespiegel durch Zuleitung hoch, dann genügen schon mittlere Niederschläge, um ein Hochwasser auszulösen, das dann abgeleitet werden muss. Mit dem Wasser rinnt aber wertvolles Salz davon, der See süßt weiter aus. Durch die künstliche Wasserableitung über den Einserkanal hat der See schon gefährlich viel von seinem natürlichen Salzgehalt verloren. Die Zuleitung von Donauwasser, das Verhindern von Austrocknungs-Ereignissen und die vermehrte Wasser- und Salzableitung würden das Ende des Neusiedler Sees, als langlebigen und robusten Steppensee, bedeuten.

Warum sind der Salzgehalt und Wasserstandsschwankungen wichtig für das Überleben des Neusiedler Sees?

Als ursprünglich abflussloses Steppengewässer verfügt der Neusiedler See über einen erhöhten Salzgehalt, der mit den Wasserständen schwankt. Sinkt der Wasserstand durch Verdunstung, dann steigt der Salzgehalt – steigt das Wasser durch reichlich Niederschläge, dann nimmt der Salzgehalt ab. Viele der besonderen Tiere und Pflanzen, die in und um den See vorkommen, sind an den Salzgehalt angepasst, manche sogar abhängig davon. Doch auch für den See selbst ist der Salzgehalt überlebenswichtig, genauso wie eine gelegentliche Austrocknung. Jeder „gewöhnliche“, das heißt dauernd wasserführende Süßwassersee, wäre schon vor Jahrtausenden von der Landkarte verschwunden, wenn er so seicht wäre, wie der Neusiedler See. Er hätte sich mit den eigenen organischen Ablagerungen, also mit abgestorbenen und halbzersetzten Algen, toten Unterwasser- und Röhrichtpflanzen sowie Kleintierresten sozusagen selbst „zugeschüttet“.  Doch beim 13.000 Jahre alten, maximal 2-3 Meter tiefen Neusiedler See verhindern drei Eigenschaften diesen als „Verlandung“ bezeichneten Prozess.

Erstens das regelmäßige Trockenfallen des Sees, zu dem es nach historischen Erfahrungen ungefähr 1-2 Mal pro Jahrhundert kommt. Während dieser Trockenphasen zersetzt sich das angesammelte organische Material an der Luft und die mineralischen Bestandteile des Bodenschlamms werden vom Wind ausgeblasen. Zweitens der Salzgehalt des Sees: er bildet einerseits die Voraussetzung für das Vorkommen von salzleibenden Bakterien, die totes pflanzliches Material besonders wirksam abbauen, andererseits begünstigt der Salzgehalt (gemeinsam mit dem ständigen Wind) die Beständigkeit der charakteristischen Wassertrübe des Sees, die von winzigen Mineralteilchen verursacht wird. Diese Trübepartikel sind der dritte Faktor: Sie bremsen einerseits das Algenwachstum, indem sie den Algen das Licht rauben, andererseits sitzt auf jedem der Milliarden Trübeteilchen im See ein winziger Bakterienrasen, der totes organisches Material abbaut, lange bevor es den Bodengrund erreichen und dort zur Schlammanreicherung beitragen kann. Ohne gelegentliche Austrocknung, ohne Salzgehalt und ohne Trübe, wäre der Neusiedler See längst spurlos verschwunden und hätte einem Flachmoor Platz gemacht.

 

Warum sind die pannonischen Salzlacken so besonders?

Die pannonischen Salzlebensräume sind ein seltener Lebensraumtyp, der im südöstlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa vorkommt. Die größten zusammenhängenden Flächen gibt es in Zentral- und Ostungarn, sowie in Ostösterreich. Außerdem treten solche Salzlebensräume lokal in Nordserbien, im westlichen Rumänien und in der Südslowakei auf. Es handelt sich um binnenländische Salzstandorte, die an besondere klimatische, hydrologische und geologische Voraussetzungen gebunden sind. Steppenartiges Klima, hochanstehendes salzhaltiges Grundwasser, ein Untergrund aus Sand, Schotter und Ton sowie eine weitgehend flache, mit Mulden und Senken durchsetzte Landschaft, bilden die Grundlagen für die Entwicklung pannonischer Salzlebensräume. Anders als an der Meeresküste ist das tonangebende Salz hier aber nicht Kochsalz (Natriumchlorid), sondern Soda (Natriumkarbionat), in wechselnder Kombination mit Bittersalz (Magnesiumsulfat) und Glaubersalz (Natriumsulfat). Die Tier- und Pflanzenwelt der pannonischen Salzlebensräume zeigt deutliche Beziehungen zu salzgeprägten Lebensräumen am Schwarzen und am Kaspischen Meer sowie zu den sie umgebenden Steppen und Halbwüsten. Die pannonischen Salzlebensräume gehören zu den gefährdeten, vorrangig zu schützenden Lebensraumtypen der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie, einem wichtigen Instrument des Naturschutzes innerhalb der EU. 

Was zeichnet einen Steppensee aus?

Steppenseen liegen in Landschaften mit steppenartigem Klima – das heißt mit geringen Niederschlägen, hohen Sommertemperaturen und relativ kalten Wintern. Sie füllen seichte Geländemulden aus, sind oft von geringer Tiefe, meist ohne Abfluss und daher mehr oder weniger salzhaltig. Weil sie meist in offener, baumarmer Landschaft liegen, spielt auch der Wind eine wichtige ökologische Rolle. Der Wasserhaushalt von Steppenseen wird vor allem vom saisonalen Wechselspiel zwischen der intensiven sommerlichen Verdunstung und den unregelmäßig fallenden Niederschlägen geprägt. Die Wasserzufuhr durch Niederschläge und Zuflüsse reicht in den meisten Jahren gerade noch aus, um die Verdunstung auszugleichen und das Seebecken immer wieder aufzufüllen. Sie ist aber nicht hoch genug, um zum Übergehen des Sees und zur Ausbildung eines Abflusses zu führen. Durch die Abflusslosigkeit reichert sich über Jahrhunderte und Jahrtausende Salz im See an. Steppenseen zeigen meist starke Wasserstandsschwankungen, sie trocknen in extremen Dürreperioden immer wieder aus, füllen sich aber in feuchteren Jahren rasch wieder mit Wasser. Ihre charakteristische Tier- und Pflanzenwelt ist bestens an die besonderen Bedingungen – den Salzgehalt, die starken Wasserstandsschwankungen, die hohen Sommer- und die kalten Wintertemperaturen, die ständige Windbewegung und das meist hohe Nährstoffangebot angepasst. Viele spezialisierte Arten benötigen geradezu diese extremen Verhältnisse. Der Neusiedler See gilt als der westlichste Steppensee Eurasiens.

Welche Bedeutung hat der Schilfgürtel des Neusiedler Sees?

Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees ist als Lebensraum für schilfbewohnende Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Spinnentiere von herausragender Bedeutung. Wegen seiner außerordentlichen Größe beherbergt der Neusiedler See umfangreiche Bestände von hochspezialisierten, an Röhricht gebundene Arten. Bei manchen Arten kommen mehr als 10 % der gesamten europäischen Population am Neusiedler See vor. Entsprechend groß ist die internationale Verantwortung, die Österreich für den Erhalt und den Schutz dieses Naturjuwels hat. Auch im Nährstoffhaushalt des Sees spielt der Schilfgürtel eine wichtige Rolle als natürliche Kläranalage: er bindet Nährstoffe, Schlamm und organisches Material und hält das Wasser des offenen Sees sauber. Der Fortbestand des Schilfgürtels ist eng mit den besonderen Eigenschaften des Neusiedler Sees als Steppensee verbunden. In Niedrigwasserphasen und nach Austrocknungsereignissen kann sich der Schilfgürtel verjüngen, bei niedrigen Wasserständen weitet er sich aus und bei langfristig anhaltender Überflutung kommt es zu Überalterung und flächenhaftem Absterben des Schilfs. Auch Feuer dürfte ein wichtiger natürlicher Faktor sein, der die Verjüngung von Schilfbeständen fördert. Die Bewirtschaftung von Teilen des Schilfgürtels kann sowohl positive, als auch negative Wirkungen entfalten, je nachdem, wie umsichtig und schonend sie durchgeführt wird.  Der Schilfgürtel ist ein komplexes und sehr dynamisches Ökosystem, über dessen Funktionsweise noch viel zu wenig bekannt ist. Ein vorsichtiges Management des Schilfgürtels sollte sich deshalb um größtmögliche Naturnähe bemühen und auf unüberlegte künstliche Eingriffe verzichten.

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