Ökosystem Wald in Österreich nicht ausreichend geschützt – Nur etwa zehn Prozent in “günstigem Erhaltungszustand” – WWF fordert strengen Schutz und besseres Schutzgebietsmanagement
Österreichs Wälder brauchen den Wolf
WWF-Plädoyer für ein nützliches Wildtier

Wien, am 15. Jänner 2014 – In den letzten Wochen überschlugen sich die Meldungen über illegal getötete Wölfe in Italien, der Schweiz und Deutschland. Mitte Dezember wurde ein Wolfswelpe in der sächsischen Lausitz auf einer Wiese erschossen. Anfang Januar hat es einen jungen Wolf im schweizerischen Graubünden erwischt, nur wenige Kilometer von Vorarlberg entfernt. Ebenfalls nach Jahresbeginn wurde bekannt, dass in Italien gleich acht Wölfe unbekannten Tätern zum Opfer gefallen sind. „Auch in Österreich kämpft der Wolf mit Akzeptanzproblemen“, bedauert Bernhard Kohler vom WWF. „Dabei leidet unsere Natur nachweislich unter der Abwesenheit von großen Beutegreifern wie dem Wolf oder dem Braunbär.“ Eine aktuelle Studie der Oregon State University zeigt anhand von weltweiten Beispielen auf, dass die so genannten Raubtiere eine Schlüsselrolle für die Gesundheit von Ökosystemen spielen. „Besonders Österreichs Bergwälder brauchen die Beutegreifer, um Hirsche, Rehe und Gämsen in Schach zu halten“, so Kohler.

In den letzten zehn Jahren wurde bekannt, dass die Ausrottung von Wölfen im berühmten amerikanischen Yellowstone-Nationalpark in den 1920er Jahren zum Zusammenbruch des dortigen Weiden- und Pappelwaldes geführt hat. Wegen der starken Vermehrung der Hirsche hatten die Jungbäume keine Chance mehr nachzuwachsen. Erst nachdem der Nationalpark im Jahr 1995 Wölfe wiederangesiedelt hatte, konnte sich der Wald erholen. Vor allem im steilen oder unwegsamen Gelände, wo die Hirsche vor dem Wolf nicht so leicht fliehen können, schossen nun wieder Jungbäume aus dem Boden. Solche Gebiete wurden nach der Rückkehr der Wölfe von den Hirschen gemieden und der Wald konnte sich wieder verjüngen. Mit dem Wald kehrten auch der Biber und einige gefährdete Vogelarten des Yellowstone-Auwaldes zurück.
Für Österreich ist diese Erkenntnis höchst relevant. In den letzten fünf Jahren wandern regelmäßig Wölfe aus den Nachbarländern zu uns ein. Bislang konnte sich allerdings noch kein lebensfähiger Bestand etablieren. 2013 wurden gerade einmal drei Wölfe nachgewiesen. Wegen der – im europäischen Vergleich – sehr hohen Dichte an Rothirschen, Rehen und Gämsen sind unsere Gebirgswälder einem starken Verbissdruck ausgesetzt. Der Wald kann sich deshalb auf riesigen Flächen nicht ausreichend verjüngen, wie das Bundesforschungszentrum für Wald bei seinen Erhebungen immer wieder feststellen muss. Unsere Bergwälder verlieren dadurch langfristig ihre Schutzfunktion gegen Hochwässer, Muren und Lawinen. Nur wenn ausreichend Jungwuchs aufkommt, bleibt der Wald dicht genug, um Naturkatastrophen abzuwehren.
Dieser Qualitätsverlust des Waldes könnte durch die regelmäßige Anwesenheit von Wölfen entschärft werden, ist der Naturschutzexperte überzeugt. „Die Beutegreifer sorgen dafür, dass sich die Rotwild-, Reh- und Gams-Bestände räumlich ungleichmäßig verteilen. Dadurch entstehen große verbissfreie Flächen, auf denen sich auch empfindliche Baumarten wie die Tanne wieder natürlich verjüngen können.“ Das trifft vor allem in Bundesländern wie Tirol zu, in denen ein Großteil des Waldes im Steilgelände liegt und wichtige Schutzfunktionen erfüllt. „Besonders die kombinierte Anwesenheit von Wolf, Bär und Luchs hätte positive Effekte, wobei es gar nicht gesagt ist, dass es zu einer dramatischen Reduktion der Wildbestände kommt. Entscheidend ist vielmehr die ungleichmäßige Verteilung der Pflanzenfresser.“
Natürlich müssen für eine konfliktfreie Rückkehr der großen Beutegreifer gute Lösungen für den Schutz von Nutztieren wie Schafen und Ziegen gefunden werden. Dazu stellen die Behörden in Österreich, aber auch der WWF in einem Pilotprojekt finanzielle Mittel für Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune und Herdenschutzhunde zur Verfügung. Auch im Jagdbetrieb werden Veränderungen erforderlich sein, besonders was Winterfütterungen und Wintergatter betrifft, die unnatürliche Ansammlungen von Hirschen bewirken. In manchen Bundesländern wie Tirol und Vorarlberg werden diese Hegepraktiken bereits aufgegeben oder radikal verändert. Für Kohler ein Schritt in die richtige Richtung: „Eine naturschutz- und waldverträgliche Jagd erfordert eine großräumige wildökologische Raumplanung unter Einbeziehung von Wolf, Bär und Luchs.“
Wölfe sind nach EU-Recht und allen Naturschutzgesetzen der Unionsländer eine streng geschützte Art. Ihre unerlaubte Tötung stellt also eine Straftat dar – und wie man aufgrund der Nützlichkeit der Beutegreifer sieht, zu Recht. Viele Europäische Staaten haben allerdings bei der Verfolgung von Naturschutzkriminalität großen Nachholbedarf. Der WWF fordert daher die Behörden auf, mehr Engagement gegen Wilderei zu zeigen. Auch braucht es vermehrt Aufklärungsarbeit und den Ausbau von Herdenschutzmaßnahmen, um eine konfliktfreie Wiederkehr der Großen Beutegreifer zu ermöglichen.
Link zum Science Artikel der Forschergruppe William Ripple/Oregon State University (in Englischer Sprache)
Rückfragehinweis:
Claudia Mohl, WWF-Pressesprecherin, Tel. 01/488 17-250, E-Mail: claudia.mohl@wwf.at
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