Ohne wirksame Nachschärfungen bleibt Klimagesetz ein Etikettenschwindel – Umweltschutzorganisation fordert verbindliche Zwischenziele und rasche Maßnahmen
Abschussverordnung als Lizenz zum Töten? Jagd auf Biber ist der falsche Weg
WWF Presseaussendung
Wien, am 23. 3. 2016 – Im Oktober des Vorjahres hat die Niederösterreichische Landesregierung eine Änderung des Naturschutzgesetzes beschlossen, durch die der Schutz für bedrohte Arten wie den Biber aufgeweicht wird. „Konkret bedeutet das: Künftig soll es per Ausnahmeverordnung möglich sein, in die Populationen geschützter Arten einzugreifen, etwa wenn dies dem ‚Schutz anderer wildlebender Tiere‘ dient. Auf den Biber würde dies somit bereits anwendbar, wenn er Fischaufstiegshilfen verstopft“, ist Christian Pichler vom WWF empört. Der Biologe befürchtet, dass die Verordnung einem Freibrief für flächendeckende Abschüsse durch die Hintertür gleichkommt. Der WWF bringt deshalb heute bei der Naturschutz-Abteilung des Landes Niederösterreich eine Stellungnahme gegen die Niederösterreichische Ausnahmeverordnung ein.
Wird die vorliegende Verordnung beschlossen, wäre unkontrollierten Biberabschüssen in Niederösterreich Tür und Tor geöffnet, befürchtet der WWF. Außerdem verletzt das Land damit die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und widerspricht somit geltendem EU-Recht: „Die FFH-Richtlinie sieht zwar Ausnahmen vom Verbot der Tötung geschützter Arten vor, diese müssen jedoch mit einer genauen und angemessenen Begründung versehen seien. Niederösterreich könnte somit auf ein EU-Vertragsverletzungsverfahren zusteuern“, gibt Pichler zu bedenken.
Zudem führen die neuen Regelungen zu Interessenskonflikten und laden förmlich zum Missbrauch ein: Vertreter von Wasserverbänden, die für Hochwasserschutz zuständig sind, fungieren künftig oft gleichzeitig als „Biberberater“, die Entscheidungen über die Methode des Eingriffs in die Biberpopulation treffen und auch selbst die Erfolgskontrolle durchführen. Bisher wurde dies von einer unabhängigen und fachlich hochkompetenten Stelle, dem Bibermanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien durchgeführt.
Der WWF hält zudem Bestandsregulierungen beim Biber für unnötig. Natürlich sei es nicht immer einfach, die zunehmenden Nutzungsansprüche von Menschen mit der Lebensweise des Bibers zu vereinbaren. Jeder Quadratmeter Natur ist heute in menschlichem Besitz. Naturgemäß können sich Wildtiere wie Biber nicht an unseren Grundstücksgrenzen orientieren und gestalten ihren Lebensraum weiterhin nach eigenem Ermessen. Dennoch ließen sich Konflikte mit gutem Willen in den meisten Fällen ohne den Griff zur Flinte lösen. Dies wäre aufgrund der territorialen Lebensweise der Biber sogar kontraproduktiv: „Wenn man Tiere aus einem – aus Bibersicht geeigneten –Lebensraum wegschießt und somit das Revier frei macht, wird das Revier bald darauf von Jungtieren aus umliegenden Biberfamilien neu besiedelt“, erklärt Pichler.
Statt auf eine rechtlich bedenkliche Verordnung, solle man besser auf systematisches Biber-Management, nachhaltige Lösungen und gute Vorsorgemaßnahmen setzen. So können beispielsweise Bäume mit Schutzanstrichen versehen oder durch Gitter vor Verbiss bewahrt werden. Hochwasserschutzdämme schützt man mit „Bibergittern“ gegen grabende Tierarten, Stauhaltungen können mit Drainage-Rohren abgesenkt werden. Wenn das alles nichts hilft, kann man Biber immer noch durch die Entfernung von Futterpflanzen und Biberdämmen zur Umsiedelung bewegen. „Nur bei Gefahr für Menschen oder wenn ernste Schäden etwa beim Hochwasserschutz drohen, sollte im Ausnahmefall in die Population eingegriffen werden können“, unterstreicht Pichler.
Die einfachste, kostengünstigste und naturverträglichste Lösung besteht jedoch darin, Biber-Familien an geeigneten Stellen genügend Lebensraum zuzugestehen. „Dafür reicht oft schon ein schmaler naturnaher Uferstreifen von 20 Metern aus. Die ortsansässigen Biberfamilien halten dann ihr Revier frei vor weiteren Ansiedlungen – und regulieren den Bestand somit ohne Eingriff des Menschen selbst“, so Pichler vom WWF abschließend.
Rückfragehinweis:
Claudia Mohl, WWF-Pressesprecherin, Tel. 01/48817-250, E-Mail: claudia.mohl@wwf.at
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
WWF: Amazonas-Fische helfen, den Regenwald zu erhalten – 144 Arten bedroht
Neuer Report: Flussverbauung und Überfischung gefährden Fischbestände und Lebensgrundlagen von Millionen Menschen – WWF fordert Schutz frei fließender Flüsse und wichtiger Fischlebensräume
WWF zu hohen Spritpreisen: Öffis ausbauen, Öl-Abhängigkeit im Verkehr senken
Umweltschutzorganisation fordert bessere Bus- und Bahnverbindungen, sichere Radwege und günstigeres Klimaticket – Übergewinne der Mineralölkonzerne EU-weit besteuern
Google-Rechenzentrum: WWF begrüßt erneute Prüfung der UVP-Pflicht
Umweltschutzorganisation fordert umfassende Umweltprüfung in Kronstorf nach Fall in Niederösterreich – Bundesregierung muss eindeutige Regeln für große Rechenzentren im UVP-Gesetz verankern
WWF-Erfolg: Flussdelfin-Nachwuchs im Mekong
6 Kälber der vom Aussterben bedrohten Irawadi-Flussdelfine wurden heuer in Kambodscha geboren – ein großer Erfolg im Artenschutz! Ein herzerwärmendes Video zeigt den Nachwuchs.
WWF: Nachwuchs-Rekord bei stark bedrohten Flussdelfinen im Mekong gibt Hoffnung
Zahl der vom Aussterben bedrohten Irawadi-Flussdelfine in Kambodscha steigt auf 118 Tiere – Heuer sechs Kälber geboren – WWF erfreut über positives Ergebnis intensiver Artenschutzmaßnahmen
EU-Klimaresilienz: 34 Organisationen fordern Vorrang für naturbasierte Lösungen
Offener Brief an EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen – Städte- und Gemeindeverbände, Wasserversorger und Fischerei fordern Natur als Europas „erste Verteidigungslinie“
Good News: So viele Seeadler-Paare wie noch nie in Österreich
Neuer Rekord in Österreich: 123 territoriale Seeadler-Paare konnten gezählt werden. Ihr Lieblingsplatz ist das Waldviertel.
WWF zu CloudHQ: Großrechenzentren brauchen verpflichtenden Umweltcheck
Umweltschutzorganisation begrüßt UVP für 6,7-Hektar-Projekt in Leopoldsdorf – WWF fordert einheitliche Bundesregeln statt Fleckerlteppich













