Online-Voting über neun Flüsse aus allen Bundesländern bis 1. September – Fachleute wählten Kandidaten nach Artenvielfalt, Gefährdung und Schutzbedarf aus
Tiroler Natur- und Umweltverbände fordern Neustart für den Naturschutz
Als größte Probleme sehen die Naturschutz- und Umweltverbände den überzogenen Ausbau der Wasserkraft, die Übernutzung der letzten Gletscher des Landes, den Artenverlust in der Kulturlandschaft und den enormen Bodenverbrauch ohne Rücksicht auf die knappen natürlichen Ressourcen. Außerdem seien in den letzten Jahren die Verwaltungsstrukturen zu Ungunsten des Naturschutzes verändert worden – zum Beispiel durch die Abschaffung des Naturschutzfonds, die Aufweichung der Ruhegebietsbestimmungen oder die Zersplitterung der Naturschutzkompetenzen zwischen mehreren Landesrät*innen. Es sei an der Zeit, dass die Landespolitik rasch wesentliche Veränderungen in der Naturschutzpolitik einleitet. Die Organisationen formulierten deshalb eine gemeinsame Tiroler Naturschutz-Deklaration, in der die dringendsten Schritte angeführt sind.
Darin fordert der WWF Österreich einen verbindlichen Aktionsplan gegen den Bodenverbrauch und eine Einschränkung des Wasserkraftausbaus. „Überholte Großprojekte, falsche Strategien und intransparente Entscheidungen haben dazu geführt, dass die Tiroler Natur extrem unter Druck steht“, kritisiert Christoph Walder, Leiter des Bereichs Naturschutz beim WWF. „Anstatt Klimaschutz ganzheitlich anzugehen, setzt das Land Tirol derzeit einseitig auf die Verbauung der letzten frei fließenden Flüsse und macht nicht einmal vor den ökologisch wertvollsten Strecken Halt. Diese Vorgehensweise gefährdet unser wertvolles Naturerbe.“ Walder fordert stattdessen von der Landespolitik wirksame Maßnahmen gegen den viel zu hohen Energie- und Ressourcenverbrauch. Nur so könnten die international vereinbarten Ziele zum Schutz von Biodiversität und Klima erreicht werden. Vorsichtig positiv bewertet der WWF die aktuell wieder aufgenommenen Bestrebungen der Regierung zur lange versprochenen Bewahrung der freien Fließstrecke am Inn zwischen Zillertal und Kirchbichl vor weiterem Kraftwerksbau.
Besonderer Handlungsbedarf besteht auch beim Schutz der letzten Hochgebirgsregionen und Gletscherlebensräume. „Das Land Tirol muss sich wieder zum bedingungslosen Schutz der Gletscher bekennen und die ‚Seele der Alpen‘ schützen“, so Clemens Matt, Generalsekretär des Alpenvereins. Der Präsident der Tiroler Naturfreunde, Leopold Füreder, fordert vom Land eine „rasche Wiederherstellung des rechtlichen Status des Gletscherschutzes von vor 2005 und ein Ende der Ausnahmen für Mega-Projekte wie den Zusammenschluss von Pitztal-Ötztal.“ Gerade angesichts des dramatischen Gletscherschwundes sei die Sicherung der letzten Hochgebirgsregionen ein zentrales Gebot der Stunde.
Die Vogelschutzorganisation BirdLife sieht für Tirol noch eine letzte Chance, um den Artenverlust in extensiv bewirtschafteten Regionen aufzuhalten und eine nachhaltige Landwirtschaft sicherzustellen. „Dazu braucht es ein Steuerungsgremium der Interessensvertreter, in dem quantitative Ziele, ein konkreter Zeitplan und Maßnahmen gemeinsam festgelegt werden. Dazu hat die Landesregierung bereits ihre Zustimmung signalisiert“, erklärt Gabor Wichmann, Geschäftsführer von BirdLife Österreich. Eine der Maßnahmen sollte die Ausarbeitung eines Wiesenbrüter-Aktionsplans sein, um gefährdete Arten wie das Braunkehlchen oder die Feldlerche zu schützen.
Auch die Forderung nach klaren Zuständigkeiten und geeigneten Instrumenten für den Naturschutz ist Teil der Tiroler Naturschutz-Deklaration. „Erfolgreicher Naturschutz braucht klare Regeln. Dazu zählt, dass die Kompetenzen in eine politische Hand gehören. Derzeit sind sie aber zwischen den Ressorts von stellvertretenden Landeshauptleute Geisler und Felipe aufgeteilt“, erklärt Roman Türk, Präsident des Naturschutzbundes Österreich. Darüber hinaus brauche es wieder einen eigenen Tiroler Naturschutzfonds, die Wiederherstellung beim Schutz der Ruhegebiete und die Umsetzung längst versprochener Schutzgebiete an Tiroler Gewässern.
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