Höchstgericht bestätigt fehlende Rechtskonformität von Abschuss-Verordnungen für geschützte Tierarten – Ende der pauschalen Tötungen gefordert
Offener Brief an Landesrat Seitinger
Bärenland Steiermark – Artikel in der Tageszeitung „Der Standard“ von 5. 5. 2009
Sehr geehrter Herr Landesrat!
Mit großer Überraschung haben wir Ihre in der Tageszeitung „Der Standard“ vom 5. Mai kolportierten Aussagen zur Bärensituation in der Steiermark gelesen.
Aus Sicht der Umweltorganisation WWF mit seiner langjährigen Tradition im Österreichischen Bärenschutz möchten wir im Folgenden einige Punkte fachlich klarstellen.
Sie sprechen sich im genannten Artikel gegen „Wiederansiedlungen“ von Arten aus, die einst in Österreich heimisch waren, aber nur durch Mithilfe des Menschen wieder zurückkehren könnten. Man solle „nicht versuchen, Arten künstlich hochzuziehen“. Dazu möchten wir bemerken, dass zahlreiche Arten, einschließlich des Braunbären, in Österreich nicht von selbst ausgestorben sind, sondern ebenso „künstlich“ ausgerottet wurden. Der Bär ist nicht von selbst aus der Steiermark verschwunden.
Darüber hinaus ist diese Argumentation aus WWF-Sicht auch in Bezug auf eine Jagdtradition, die mit der Wildfütterung künstlich hohe Wildbestände erhält und produziert, zu hinterfragen. Wir würden uns wünschen, dass Sie diesem „künstlichen Hochziehen von Arten“ in der Agrarpolitik Einhalt gebieten.
Weiters möchten wir anmerken, dass Wiederansiedelungsprojekte für den Steinbock oder den Bartgeier positiv bewertet werden, obwohl diese Arten nur durch „künstliche“ Wiederansiedelung durch die Menschen – oftmals auch durch die Jägerschaft – wieder nach Österreich zurückkehren konnten.
Wiederansiedelungen und Bestandesstützungen sind international anerkannte und erprobte Verfahren im Naturschutz, um von Menschenhand ausgerottete Tier- und Pflanzenarten eine zweite Chance zu geben. Solche Projekte mit „der Ansiedelung von Dinosauriern über Genversuche“ zu vergleichen zeugt von wenig Verständnis für zeitgemäßen Naturschutz und moderne Genforschung, was vor dem Hintergrund, dass Sie sich selbst als Genetiker bezeichnen, etwas verwunderlich erscheint.
Wir geben Ihnen, sehr geehrter Herr Landesrat, durchaus Recht in Ihrer Feststellung, dass es mehrere Bären sein müssten, die – gemäß des Aussiedelungskonzepts – in den drei Bundesländern Steiermark, Niederösterreich und Oberösterreich freigelassen werden müssten. Das Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Universität Wien hat im Rahmen der Sitzung der Koordinierungsstelle Braunbär im März 2009 auf Basis einer wissenschaftlichen Analyse und den Erfahrungen ähnlicher Projekten dargelegt, dass eine Anzahl von 7 Weibchen und 3 Männchen eine solide Basis für ein erfolgreiches Projekt bilden würden.
Was uns äußerst befremdlich stimmt ist die Tatsache, dass Sie als Agrarlandesrat in den Kanon der „Hetze“ gegen Bären einstimmen und diese Wildtiere als bedrohliche Monster darstellen, vor denen Menschen Angst haben müssten, und die Touristen davon abhalten würden, unsere Wälder zu besuchen.
Dass Nahrungsopportunisten wie Bären ab und zu auch „Schafe und Hirsche“ reißen, ist ein natürlicher Vorgang, gegen den zudem im Bärenmanagement Präventivmaßnahmen angeboten werden bzw. Schadensabgeltungen vorgesehen sind. Eine sachliche Information und Aufklärung über diese Möglichkeiten sollte von Seiten des Landes Steiermark erfolgen.
Insbesondere die lokale Bevölkerung, die Landwirte, Schafhalter, Bienenzüchter, hat das Recht, entsprechend informiert zu werden und Hilfestellung bei etwaigen Schutzmaßnahmen wie Elektrozäunen zu bekommen. Wir würden uns wünschen, sehr geehrter Herr Landesrat, dass Sie diese Aufklärungsarbeit erbringen, statt negative Stimmungen in Bezug auf den Braunbären zu unterstützen! In Ihren Verantwortungsbereich fallen weiters die Aufklärung im Zusammenhang mit den verschwundenen Bären und das Bemühen um eine bessere Akzeptanz der Bären in der Steiermark – vor allem in der Landwirtschaft, der Jägerschaft und in den Landesforsten.
Sehr geehrter Herr Landesrat, wir bitten Sie als zuständigen Agrarlandesrat, nicht in das Horn jener zu blasen, die den Bären in Österreich wieder aussterben sehen wollen, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten an positiven Lösungen zu arbeiten, die ein Miteinander von Mensch und Bär in der Steiermark und Österreich möglich machen.
Dazu sind engagierte Schritte nach dem Vorbild Oberösterreichs notwendig. Auch Ihr niederösterreichischer Amtkollege Stephan Pernkopf hat gestern erklärt, dass Niederösterreich sich einer Bestandesstützung nicht verschließen würde, wenn die Steiermark diesen Weg mitgehen würde. Nachdem Naturschutzlandesrat Wegscheider einer Ansiedelung ebenfalls positiv gegenübersteht, scheinen Sie sich als einziger zuständiger politischer Referent aller drei Bundesländer gegen eine Rettung der Alpenbären zu stellen.
Wir ersuchen Sie um ein Überdenken dieser Einstellung und bitten Sie um Unterstützung der gemeinsamen Bestrebungen, dem Braunbären in Österreich seine verdiente Chance zu geben.
Mit besten Grüßen
Mag. Christoph Walder
Leiter WWF Braunbärenprojekt
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