Politik ignoriert Klimakiller Fleisch. Strategie für nachhaltige Ernährung gefordert

1. August 2019 | Presse-Aussendung

Wien, am 2. August 2019. Der weltweite Hunger auf Fleisch wird immer mehr zum Problem für Umwelt und Klima. Bereits ein Viertel unseres ökologischen Fußabdrucks wird durch die Ernährung verursacht, allein Fleisch ist für 43 Prozent der ernährungsbezogenen Treibhausgase verantwortlich. Laut einer aktuellen IATP-Studie (Institute for Agriculture and Trade Policy) sind die fünf größten Fleisch- […]
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Wien, am 2. August 2019. Der weltweite Hunger auf Fleisch wird immer mehr zum Problem für Umwelt und Klima. Bereits ein Viertel unseres ökologischen Fußabdrucks wird durch die Ernährung verursacht, allein Fleisch ist für 43 Prozent der ernährungsbezogenen Treibhausgase verantwortlich. Laut einer aktuellen IATP-Studie (Institute for Agriculture and Trade Policy) sind die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne bereits für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die großen Ölkonzerne. Österreich liegt mit einem durchschnittlichen Fleischkonsum von 63 Kilogramm pro Jahr und Kopf im weltweiten Spitzenfeld. „Fleisch zählt zu den größten Klimakillern, dennoch lehnt sich die Politik hier zurück und wälzt das Problem auf die Konsumentinnen und Konsumenten ab. Daher fordern wir einen konkreten Aktionsplan für die Emissionsreduktion im Ernährungsbereich. Alle Parteien müssen hier Maßnahmen vorlegen anstatt nur symbolisch für Klimaschutz zu sein“, sagt Helene Glatter-Götz, Expertin für nachhaltige Ernährung beim WWF Österreich. Die Umweltschutzorganisation nennt fünf konkrete Tätigkeitsfelder, in denen eine Strategie für ein klima- und umweltverträgliches Ernährungssystem ansetzen muss.

1. Öffentliche Beschaffung auf Bio umstellen


Die Politik muss eine Vorbildrolle einnehmen. Tagtäglich werden in diversen Kantinen des Landes mit öffentlichen Geldern hunderttausende Mahlzeiten serviert. Klare Vorgaben für eine nachhaltige Beschaffung würden den ökologischen Fußabdruck der jeweiligen öffentlichen Einrichtung verkleinern. Lebensmittel in Schulen und anderen öffentlicher Einrichtungen sollten in einem ersten Schritt zumindest zu zwei Dritteln aus biologischer Herkunft angeboten werden und zudem das Ziel einer vollständigen Umstellung bis spätestens 2025 anstreben. An allen Tagen sollte zumindest eine fleischlose Mahlzeit im Angebot sein. Tierische Produkte sollten ausschließlich von Bio-Produzenten mit einem hohen Tierwohl-Standard bezogen werden. Eine Reduktion des Fleischanteils würde insgesamt Kosten sparen, die in qualitativ wertvolleres Fleisch investiert werden können. Studien zeigen, dass ein derart ökologischer Einkauf kostenneutral erfolgen kann. Positiver Nebeneffekt wäre ein weit gesünderes Angebot in öffentlichen Einrichtungen. Darüber hinaus hätten klare Vorgaben in der öffentlichen Beschaffung sowohl für die Privatwirtschaft als auch für den individuellen Supermarkt-Einkauf eine Vorbildrolle.

2. Kennzeichnungspflicht verankern


Eine konsequente Kennzeichnungspflicht bei allen Fleischprodukten im Handel und in der Gastronomie würde Kundinnen und Kunden dabei helfen, besser informierte Kaufentscheidungen zu treffen. Derzeit bleibt oft unklar, was genau auf unserem Teller liegt. Eine verpflichtende Herkunftsangabe gibt es derzeit nur bei Frischfleisch im Handel. Diese Kennzeichnungspflicht entfällt sobald Fleisch als „verarbeitet“ gilt, wie etwa bei Wurst, Fertiggerichten oder mariniertem Fleisch. Auch der Einsatz von gentechnisch veränderten Futtermitteln, für deren Anbau artenreiche Regenwälder und Savannen zerstört werden, muss bis jetzt nicht angegeben werden. Ein weiteres Problemfeld ist die Gastronomie. Fast zwei Drittel des Fleisches werden außer Haus gegessen, wo aufgrund der fehlenden Kennzeichnungspflicht besonders viel importiertes Billigfleisch zum Einsatz kommt.

3. Billigfleisch stoppen

Ein Ende von schädlichen Dauerrabatten auf Fleischprodukte im Handel würde faire Handels- und Wettbewerbsbedingungen schaffen, heimische Landwirte entlasten und letztlich eine klima- und naturverträgliche Produktion fördern. Marktschreierische Rabatte begünstigen den massenhaften Absatz von Billigfleisch, das oft unter ökologisch problematischen Bedingungen produziert wird. Fallen diese Lockangebote für Fleischwaren weg, müssen die Supermärkte stattdessen andere Lebensmittel rabattieren, um Konsumentinnen und Konsumenten anzulocken – idealerweise gesunde, regionale Lebensmittel. Auch in anderen Bereichen unserer Marktwirtschaft werden bestimmte Rabatte gezielt unterbunden, um schädliche Anreize zu vermeiden, zum Beispiel bei Tabakwaren oder bei Kinderanfangsnahrung. Ein Stopp für Billigfleisch könnte relativ einfach im Fairnesskatalog des Lebensmitteleinzelhandels als Verzicht auf Rabattaktionen für Billigfleisch formuliert werden. Falls es hier zu wenig Bewegung gibt, müssen Umwelt-, Gesundheits- und Wirtschaftsministerium eine abgestimmte gesetzliche Lösung für eine entsprechende Regulierung erarbeiten.

4. Schädliche Agrarsubventionen abbauen


Auf europäischer Ebene müssen alle Instrumente der Gemeinsamen Agrarpolitik konsequent auf eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft ausgerichtet werden. Das heißt den Abbau umweltschädlicher Subventionen und die Schaffung von Kostenwahrheit. Derzeit werden rund 40 Prozent des EU-Budgets für die Landwirtschaft ausgegeben. In vielen Fällen werden damit umweltschädliche Praktiken finanziert, anstatt gezielt auf eine nachhaltige Produktion hinzuarbeiten. Der WWF fordert hier einen Kurswechsel hin zu mehr Nachhaltigkeit, Fairness und Klimaschutz.

5. Bewusstseinsbildung fördern

Bewusste Kaufentscheidungen brauchen fundiertes Vorwissen. Die Politik muss besser informieren und die Folgen einer klima- und umweltschädlichen Ernährung aufzeigen. Zugleich liegt es an der Politik, ein Umdenken anzustoßen, damit nachhaltige Ernährung nicht nur Trend, sondern Alltag wird. Denn der übermäßige Konsum von tierischen Produkten geht nicht nur Zulasten der Umwelt: In Österreich wird dreimal mehr Fleisch gegessen, als vom Gesundheitsministerium empfohlen wird. Aus Umweltsicht wäre zwar eine rein pflanzliche Ernährung am effektivsten, aber schon der Umstieg auf weniger und dafür qualitativ hochwertiges Fleisch zusammen mit mehr Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten verbessert die Ökobilanz deutlich. Um diese Trendwende zu schaffen, braucht es einen politischen Rahmen sowie eine Sensibilisierung der Bevölkerung durch weitreichende öffentliche Informationskampagnen.

Wissenschaftlicher Hintergrund:

Laut Österreichischer Klimaforschungsgemeinschaft (APCC) können die größten positiven Effekte für Klima und Gesundheit durch eine Reduktion des Fleischkonsums erzielt werden. Allein durch eine Beschränkung des durchschnittlichen Fleischkonsums auf 300 bis 450 Gramm pro Woche, pro Kopf können 22 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen eingespart werden. Zusätzliche positive Effekte, etwa durch einen biologischen, regionalen und saisonalen Einkauf, sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Laut einer Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBl) könnten neun Milliarden Menschen biologisch ernährt werden, wenn zugleich der globale Fleischkonsum um ein Drittel zurückgeht und die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte.

Rückfragen und Kontakt:
Vincent Sufiyan, WWF-Pressesprecher, Tel. 0676/83 488 308, E-Mail: vincent.sufiyan@wwf.at
Helene Glatter-Götz, WWF Programmleitung Nachhaltige Ernährung, Tel.: 01/488 17-268, E-Mail: helene.glatter-goetz@wwf.at

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