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WWF-Weltumweltbericht: Wir brauchen bald zwei Planeten Erde
Wien/Gland, 29. Oktober 2008 – Die Welt läuft auf eine drohende ökologische Kreditkrise zu, da die Menschheit derzeit um fast ein Drittel mehr vom natürlichen Kapital der Erde aufbraucht als unser Planet verträgt. Bis zum Jahr 2035 werden wir zwei Planeten Erde brauchen, um unseren derzeitigen Lebensstil aufrechtzuerhalten. Das sind die dringendsten Warnung in der neuesten Ausgabe des „Living Planet Report“ (LPR), der heute auch in Wien vorgestellt wird. Diese Umweltstudie wird vom WWF alle zwei Jahre präsentiert und gilt als der führende Bericht zum Gesundheitszustand unseres Planeten. Der Report zeigt deutlich, dass die natürlichen Ressourcen und die Artenvielfalt weiterhin rückläufig sind und immer mehr Länder dauerhafte oder saisonale Wasserprobleme bekommen werden. „Die Welt kämpft derzeit mit den Folgen der Überbewertung von Finanzkreditkonstruktionen. Gleichzeitig werden die natürlichen Grundlagen unseres Lebens und Wohlstandes völlig unterbewertet. Wir schlittern zusätzlich auch in eine ökologische Kreditkrise”, warnt WWF-Geschäftsführerin Hildegard Aichberger. Österreich liegt mit seinem großen ökologischen Fußabdruck von fünf Hektar hinter der Schweiz auf Platz 20, während Deutschland erst auf Platz 30 zu finden ist. Der Wasserverbrauch Österreichs liegt weltweit auf Platz 36 unter den 140 untersuchten Staaten. Der Living Planet Report zeigt aber auch Wege aus der ökologischen Kreditkrise und schlägt eine Reihe von Werkzeugen zur Verankerung des Nachhaltigkeitsprinzips vor.
Zwei Planeten 2035
Der gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft von London (ZSL) und dem Global Footprint Netzwerk (GFN) erstellte Bericht zeigt, dass mehr als drei Viertel aller Menschen heute in Nationen leben, die ökologische Schuldner sind, deren nationaler Konsum also die biologischen Kapazitäten ihres Landes übersteigt. “Die meisten von uns stützen heute Lebensstil und Wirtschaftswachstum auf die Inanspruchnahme und die Überstrapazierung des ökologischen Kapitals anderer Teile der Welt“, so Aichberger. “Sollte unser Anspruch an die Erde weiterhin in diesem Maße steigen, bräuchten wir im Jahr 2035 zwei Planeten um unseren Lebensstil aufrecht zu erhalten.” Der LPR von 2006 vermutete diese Annahme erst für 2050. Derzeit verbrauchen wir noch 1,3 Planeten Erde, also fast ein Drittel mehr als an natürlichen Ressourcen vorhanden ist.
Rückgang der Arten
Der WWF-Weltumweltbericht, der alle zwei Jahre erscheint, ist seit 1998 eine der wichtigsten Studien zum Zustand unseres Planeten. Er enthält den ökologischen Fußabdruck aller Staaten der Welt zu den natürlichen Ressourcen der Erde sowie den „Living Planet Index“ zum Status der Artenvielfalt des Planeten. 2008 wurde erstmals eine neue Maßzahl – der globale, nationale und individuelle Wasser-Fußabdruck – zu den bestehenden Teilen hinzugefügt. Der „Living Planet Index“ zeigt einen fast 30-prozentigen Rückgang bei annähernd 5.000 berücksichtigten Populationen von 1.686 Arten seit 1970. Die Ursachen für diese dramatischen Verluste in unserem natürlichen Reichtum sind die Abholzung in den Tropen (50-prozentiger Rückgang), der Dammbau, Flussregulierungen und der Klimawandel, der sich besonders bei Süßwasserarten (35-prozentiger Abfall) zeigt. Umweltverschmutzung und Überfischung sowie zerstörerische Fischmethoden in den Meeren und Küstenregionen leisten ebenfalls einen beachtlichen Beitrag. Eine leichte Erholung gab es in den gemäßigten Regionen des Nordens, wo Umwelt- und Naturschutz langsam greifen und die Naturzerstörung abgebremst werden konnte.
Parallelen Finanzkrise – Ökologische Krise
„Wir handeln ökologisch in derselben Wiese wie die Investmentbanken sich in den letzten 25 Jahren ökonomisch verhalten haben. Wir wollen die sofortige Befriedigung unserer Bedürfnisse ohne an die Folgen zu denken. Dabei sind die Folgen einer weltweiten ökologischen Krise noch schwerwiegender als diejenigen der derzeitigen Finanzkrise“, warnt Hildegard Aichberger. Durchschnittlich stehen jedem Menschen auf der Erde 2,1 Hektar pro Person zur Verfügung, der durchschnittliche Fußabdruck pro Person beträgt jedoch 2,7 Hektar. „Limitierte Ressourcen und ein Zusammenbruch des Ökosystems würden zu einer massiven Stagnation im Wert von Investitionen und hochschießenden Kosten für Lebensmittel und Energie führen“, so Aichberger.
Österreich auf Platz 20
Österreich liegt mit seinem ökologischen Fußabdruck von genau fünf Hektar auf Platz 20 der am meisten Ressourcen verbrauchenden Staaten der Welt. Die Liste wird angeführt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA und Kuwait. Die Länder mit dem kleinsten Fußabdruck sind Haiti, Afghanistan und Malawi.
Ungleiche Verteilung der Welt
Die USA und China haben den größten nationalen Fußabdruck mit jeweils ungefähr 21 Prozent der weltweiten Biokapazität. US-Bürger beanspruchen durchschnittlich jeweils 9,4 Hektar (oder beinahe viereinhalb Planeten, würde die gesamte Weltpoplulation so wie US-Bürger leben). Chinesen nehmen durchschnittlich 2,1 Hektar pro Person (oder einen Planeten) in Anspruch.
Die Biokapazität der Erde ist ungleichmäßig verteilt. Acht Nationen – die USA, Brasilien, Russland, China, Indien, Kanada, Argentinien und Australien – umfassen mehr als die Hälfte aller Staaten der Erde. Deren Bevölkerungszahlen und Konsumverhalten machen drei dieser Länder zu ökologischen Schuldnern. Diese Länder haben also einen größeren Fußabdruck als sie mit ihrer nationalen Biokapazität zur Verfügung haben – die USA (Fußabdruck 1,8-mal größer als die nationale Biokapazität), China (2,3-mal) und Indien (2,2-mal).
Im Gegensatz dazu hat das afrikanische Land Kongo mit 13,9 Hektar pro Person die weltweit siebthöchste Biokapazität der Welt, aber pro Einwohner einen durchschnittlichen Fußabdruck von nur 0,5 Hektar. Dieser Vorsprung wird jedoch in Zukunft durch Abholzung und steigende Bedürfnisse durch eine wachsende Bevölkerung und den Export-Druck bald verloren sein.
Wasser wird immer knapper
Der seit 2008 neue Wasser-Fußabdruck zeigt die Bedeutung von Wasser als Rohstoff auf. Ein Baumwoll-T-Shirt benötigt in der Herstellung 2.900 Liter Wasser. Im Durchschnitt konsumiert jeder Mensch 1,24 Millionen Liter Wasser pro Jahr. Das entspricht etwa der Hälfte eines olympischen Schwimmbeckens. Diese Zahl variiert jedoch von 2,48 Millionen Liter pro Person und Jahr in den USA und 619.000 Liter pro Kopf jährlich im Jemen. “Etwa 50 Länder müssen sich derzeit mit Wasser-Problemen auseinandersetzten und die Zahl an Menschen, die unter saisonaler oder ganzjähriger Wasserknappheit leiden, wird als Folge des Klimawandels weiter steigen”, so der Bericht. Etwa ein Drittel der Menschheit ist schon jetzt von Wasserknappheit betroffen.
Wege aus der ökologischen Kreditkrise
Der Report zeigt auch die Wege aus der globalen ökologischen Krise. Für das Klimaproblem ist ein umfangreiches Bündel an Lösungen erforderlich. Die Lösungen reichen vom sofortigen Stopp der Abholzung der Regenwälder bis zur Implementierung Erneuerbarer Energien. Die Welt muss mindestens 80 Prozent an Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 reduzieren. „Wir brauchen für die Zukunft einen steigenden Living Planet Index, einen sinkenden ökologischen Fußabdruck und einen geringeren Wasserverbrauch. Die Menschheit muss lernen, mit den Mitteln dieses Planeten auszukommen. Und wir müssen uns bewusst sein, dass die ökologische Kreditkrise noch stärkerer Maßnahmen bedarf als diejenigen, die zur Bewältigung der gegenwärtigen Finanzkrise notwendig sind“, so Hildegard Aichberger.

Rückfragehinweis:
MMag. Franko Petri, Leiter Medienabteilung WWF Österreich, Tel. 01-48817-231.
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