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Wie ein Landwirt mit der Rückkehr der Wölfe umgeht
Schröcken, 1. Juli 2021 – Während die natürliche Rückkehr der Wölfe in den Alpenraum vielerorts von hitzigen Debatten begleitet wird, sucht man in Vorarlberg pragmatische Lösungen, um Konflikte mit der Nutztierhaltung zu minimieren. Landwirt, Schäfer und Hirte Herbert Strolz, begleitet von seinem Hütehund Milo und Experten der Naturschutzorganisation WWF, erklärt bei einem Lokalaugenschein auf 1.900 Metern Höhe: „Freude haben wir keine mit den Wölfen. Auf unseren Almen wirtschaften wir schon jetzt unter schwierigsten Bedingungen. Wenn der Wolfsdruck steigt, bringt es das Fass zum Überlaufen. Aufgeheizte Emotionen und Rufe nach Abschuss bringen uns aber nicht weiter. Selbst wenn man illegal schießt, kommt ja der nächste.“ Österreich ist eines der letzten Länder Europas, das die streng geschützten Wölfe wieder besiedeln. In Italien, Deutschland oder der Schweiz leben sehr viel größere Populationen als hierzulande. Etwa 40 Wölfe sind es laut WWF in Österreich, je über 500 in Deutschland oder Frankreich, bis zu 2.700 in Italien. Als Strolz 2014 erlebte, wie unweit seiner Herde erstmals ein Schaf gerissen wurde, ist er auf eigene Faust in die Schweiz gefahren. „Die haben ja viel mehr Wölfe als wir und ganz ähnliche Almstrukturen wie in Westösterreich. Wie funktioniert das dort?“, hat sich Strolz damals gefragt.
Wiederbelebung des traditionellen Hirtenwesens
Heute kennt er mögliche Antworten, die für Bäuerinnen und Bauern allerdings eine große Herausforderung darstellen: „Im steilen Alpgelände braucht es Behirtung. Am besten noch den einen oder anderen Herdenschutzhund dazu. Die Schafe in der Nacht in einen kleinen, gezäunten Nachtpferch treiben. So wäre es ideal, aber auch sehr aufwendig“, erklärt der Landwirt. Mit den momentanen Förderungen und rechtlichen Rahmenbedingungen sei das in Österreich nur auf eigene Faust und mit viel Engagement möglich, sagt Strolz. „Die Almwirtschaft braucht dringend mehr Unterstützung durch die Politik. Die Herausforderungen sind seit Jahren bekannt, die Lösungen auch. Es muss endlich mehr passieren“, pflichtet ihm WWF-Wolfsexperte Christian Pichler bei und sagt: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern übernehmen, was in anderen Ländern gut funktioniert.“ In der Schweiz steige die Anzahl der Wolfsrudel, aber sinke die Anzahl gerissener Schafe pro Wolf. Italien habe nie verlernt, mit Wölfen oder Bären zu leben. Herdenschutz mit Hirten und Hunden sei dort eine Selbstverständlichkeit, so Pichler.

Österreich hinke diesen Ländern noch stark hinterher. Das sei ein wesentlicher Grund dafür, dass die Diskussion bei uns so emotional und unsachlich geführt werde und die Almwirtschaft mit ihren Sorgen allein dastehe, meint Herbert Strolz. Dabei liegen die Lösungen abseits verbotener Abschüsse auf der Hand, ist Pichler vom WWF überzeugt: „Durch Behirtung, Schutzhunde oder Elektrozäune lernen Wölfe den Unterschied zwischen erlaubter Beute wie Rehen und verbotener Beute wie Schafen. Anders verstehen sie es nicht. Ungeschützte Herden sind und bleiben eine leichte Beute für Wölfe, obwohl sie sich zu 99 Prozent von Wildtieren ernähren.“

Der Landwirt und die Naturschutzorganisation teilen ein zentrales Anliegen. Die Wiederbelebung des traditionellen Hirtenwesens sei der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. „Jedes Jahr sterben tausende ungeschützte Schafe durch Unwetter, Krankheit oder Steinschlag. Das sind viel häufigere Todesursachen als Wölfe. Mehr Behirtung kann diese Verluste und auch Risse durch Wölfe stark reduzieren“, sagt Christian Pichler. Zudem schütze eine gezielte Weideführung auch vor Bodenerosion und sei gut für die Artenvielfalt. Über- bzw. Unterbeweidung würde verhindert und damit wichtiger Lebensraum für etwa Pflanzen und Vögel erhalten. Schäfer Herbert Strolz beklagt, dass Landwirte bisher viel zu wenig informiert werden, was möglich ist: „Wir brauchen Experten, die uns auf unseren Weideflächen, Voralpen und Alpen erklären, was mit der Rückkehr der Wölfe auf uns zukommt. Die uns zeigen, wie wir unsere Herden bestmöglich im alpinen Gelände schützen können. Die aber auch Klartext sprechen, wo eine Alpung nicht mehr geht.“
Koexistenz von Almwirtschaft und Wölfen möglich
Die Wiederbelebung des Hirtenwesens sei der effektivste Weg, um eine konfliktarme Koexistenz von Almwirtschaft und Wölfen zu ermöglichen, sagen Pichler und Strolz. „In Italien oder Rumänien haben sie nie verlernt, was wir hier versuchen neu zu erfinden. Wir müssen uns erfolgreiche Maßnahmen abschauen und in Österreich umsetzen“, appelliert Pichler an die Politik, keine Zeit mehr verstreichen zu lassen, denn: „Ohne Unterstützung schaffen wir Landwirte das nicht“, sagt Strolz. „Wenn wir die berechtigten Sorgen unserer Bäuerinnen und Bauern ernst nehmen, sie gut informieren und unbürokratisch im Herdenschutz unterstützen, ist ein Zusammenleben mit Wölfen auch bei uns möglich“, zeigt sich WWF-Experte Pichler überzeugt. Nutztiere zu schützen sei jedenfalls besser als Wölfe zu schießen, so Pichler. Denn selbst eine Bejagung könne nicht verhindern, dass Wölfe aus den Nachbarländern durch Österreich streifen. „Mehr Herdenschutz ist das oberste Gebot, sonst führen wir weiter Jahr für Jahr die gleiche Diskussion, ohne der Almwirtschaft konkret zu helfen“, sagt Christian Pichler.

Wölfe, die „Gesundheitspolizei“ des Waldes
Wird Herdenschutz fachgerecht angewandt, meiden Wölfe Schafherden und konzentrieren sich auf ihre Rolle als „Gesundheitspolizei“ des Waldes. „Sie erbeuten vor allem kranke und schwache Wildtiere und halten damit den Wildbestand in guter Kondition. Gleichzeitig senken sie die zu hohe Zahl an Rehen, Hirschen und Wildschweinen in Österreich, die zu starken Verbissschäden in Wäldern führt“, erklärt der Biologe. Dass Wölfe gut für Wälder und die Eindämmung von Krankheiten sind, aber auch Nahrungsreste für andere Schlüsselarten wie etwa Adler hinterlassen, gerät angesichts der emotionalen Debatten oft in Vergessenheit, meint der WWF. „Es ist vollkommen verständlich, dass Landwirte mit der Rückkehr von Beutegreifern keine Freude haben. Wenn man sie nach Vorbild vieler Nachbarländer im Herdenschutz unterstützt, macht das auch wieder den Blick dafür frei, welch wichtige Rolle Wölfe in einer intakten Natur spielen. Und eine vielfältige, gesunde Natur ist letztlich unser aller Lebensgrundlage – gerade für unsere Bäuerinnen und Bauern, deren hervorragende, regionale Produkte wir auch in Zukunft genießen wollen“, sagt Christian Pichler.
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