Umweltschutzorganisation warnt vor fehlenden Mitteln für Renaturierung und Gewässerschutz – Weniger Klimaschutz, mehr fossile Anreize
WWF-Kurzfilme über Skandal an der Schwarzen Sulm
Graz, 21. März 2018 – Der WWF und lokale Bürgerinitiativen präsentierten heute im Grazer Schubertkino „Die Koralpensaga“: Drei provokant-kritische Kurzfilme mit dem Schauspieler und Kabarettisten Gregor Seberg über zwei höchst umstrittene Wasserkraft-Projekte in der Steiermark: An der Schwarzen Sulm tobt seit Jahren ein Konflikt um ein Kleinwasserkraftwerk, das die einzigartige Natur zerstören würde. Damit in Zusammenhang steht der geplante Koralm-Pumpspeicher, das größte Pumpspeicher-Projekt Österreichs mit erwarteten Kosten von mehr als einer Milliarde Euro. Der steirische Schauspieler und Kabarettist Gregor Seberg hat sich beim Video-Projekt unentgeltlich eingebracht. Über seine Beweggründe sagt er: „Es gibt keine wirksame Therapie für Menschen, die an Gier und Skrupellosigkeit leiden. Also muss man alles schützen, was die sich gerne nehmen wollen, denn ihre Gier ist unersättlich. Und man hat nur eine Chance. Jetzt.“
In den Internet-Videos macht Gregor Seberg die verworrenen und teilweise skandalösen Vorgänge in den Behördenverfahren zu den beiden geplanten Projekten verständlich. Klartext reden dabei neben direkt Betroffenen aus der Region auch die Landesumweltanwältin der Steiermark und die ehemalige Landtagsabgeordnete und Sulm-Schützerin Sabine Jungwirth. Dabei wird klar, dass es bei den Projekten längst nicht nur um die Schwarze Sulm und „ein bissl Strom“ geht.
„Die Koralpen-Saga mit Gregor Seberg“ steht bereit unter:
Trailer: https://youtu.be/6-Wqqee2Juk
Episode 1 – Die Schwarze Sulm
Episode 2 – Kreative Genehmigungsverfahren
Episode 3 – Die Atomstrom-Waschanlage
Trinkwasserprivatisierung in der Steiermark?
„Uns geht es um unser Wasser. Schließlich geht es beim Projekt an der Schwarzen Sulm um ein Trinkwasserkraftwerk“, erklärt dazu Andreas Mathauer, Sprecher der Bürgerinitiative gegen den Industriepark Koralm. „Wir erleben an der eigenen Haut abenteuerliche Verfahren, bei denen man den Eindruck bekommen könnte, dass die Behörde hier in der Steiermark alles tut, um die Projekte durchzuboxen. Da werden gleichzeitig widersprüchliche Pläne genehmigt, der ökologische Zustand der Sulm herabgestuft, ein Schutzgebiet verkleinert. Bewilligungen und Zustimmungserklärungen von Betroffenen fehlen.“
„Und über allem schwebt die Frage, ob es bei dem Projekt nicht auch um Verkauf und Privatisierung von Trinkwasser geht. Wasser, das wir in der Region in Zukunft dringend brauchen werden“, ärgert sich Mathauer. „Wir fordern Behörden und Politik einfach auf, korrekt zu arbeiten und den Protest und die Sorgen der Bevölkerung vor Ort endlich ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, dass NGOs endlich Parteistellung in den Verfahren bekommen müssen.“
Milliardenteure Atomstrom-Waschmaschine
„Der geplante Koralpen-Megaspeicher ist schlicht eine milliardenteure Atomstrom-Waschmaschine, die enorme Mengen wertvollster Natur unwiederbringlich zerstören würde. Wo soll da das öffentliche Interesse liegen?“ ergänzt Uwe Begander, Verfahrenstechniker und Mitglied des Arbeitskreises zum Schutz der Koralpe und des weststeirischen Hügellandes. „Das Kleinkraftwerk an der Schwarzen Sulm dagegen könnte nur einen mausdreckgroßen Batzen Strom produzieren, würde aber die Sulm für immer zerstören. Und zu den Verfahren kann ich nur sagen: Man will über uns einfach drüberfahren. Aber das lassen wir uns nicht gefallen!“
WWF klagt vor Bundesverwaltungsgericht
„Die Schwarze Sulm ist Europa-Schutzgebiet, enthält zwei Naturdenkmäler und wurde schon 1998 von Umweltministerium und WWF als nationales Flussheiligtum ausgezeichnet. Sie ist ein österreichweit einmaliger Natur-Schatz“, erklärt Gebhard Tschavoll vom WWF. „Darum fordern wir jetzt vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP). Seit Jahren werden Betroffene und Umweltorganisationen von den steirischen Behörden aus den Verfahren ausgeschlossen.“ Für den Fluss-Experten ist klar: „Die absolut nicht nachvollziehbaren Verfahren müssen wieder aufgerollt werden. Entweder gemeinsam im Rahmen einer UVP, oder eben jedes Verfahren einzeln, unter Beteiligung aller Betroffenen und von uns Umweltorganisationen.“
EuGH und VwGH: Parteistellung für NGOs kommt
Rechtlich hat der WWF dabei gute Karten. „Zwei Urteile des Europäischen Gerichtshofes und ein aktuelles des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs geben Umweltorganisationen ganz klar Zugang zu solchen Verfahren“ erläutert der Naturschützer. „Dass das Land Steiermark uns dieses Recht so lange verwehrt hat, hat die Verfahren unnötig in die Länge gezogen. Jetzt werden wir unsere fachliche Kritik in den entsprechenden Verfahren als Anwalt der Natur einbringen. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, dass die Sorgen der Menschen in der Region endlich gehört werden.“
Hintergrund
Das geplante Kraftwerksprojekt Schwarze Sulm und der geplante größte Pumpspeicher Österreichs bedrohen das einmalige Naturjuwel Schwarze Sulm und die Koralpe. Seit über zehn Jahren beschäftigt der Konflikt um die Schwarze Sulm Politik, Behörden und Gerichte, von der Gemeindestube bis zum Europäischen Gerichtshof. Das Kleinkraftwerk an der Schwarzen Sulm würde dem Natura 2000 geschützten Fluss bis zu 65 Prozent seines Wassers entziehen und den rauschenden Wildfluss zu einem kümmerlichen Restgerinne degradieren. Die Schwarze Sulm und ihr größter Zufluss, der Seebach, entspringen auf der Koralpe. Dort wollen die gleichen Betreiber einen gigantischen Pumpspeicher mit zwei Betonbecken zu ca. je fünf Millionen Kubikmeter m³ Fassungsvermögen errichten. Obwohl von den Investoren als „Ökokraftwerk“ angepriesen, gehen Experten und Kritiker davon aus, dass hier vor allem billiger Grundlaststrom aus Atom- und Kohlekraftwerken aus der dort bereits vorhandenen 380 KV-Leitung zum Einsatz kommt und somit das Gegenteil der Energiewende forciert würde.
Video-Stills mit Gregor Seberg sowie Naturaufnahmen der Schwarzen Sulm und der Koralpe finden Sie unter: http://bit.ly/2HPZeA4
Diese Bilder stehen Ihnen bei redaktioneller Erwähnung des WWF und Nennung der Copyrights wie im Dateinamen angegeben unentgeltlich zur Illustration der Berichterstattung über diese Presseaussendung zur Verfügung.
Rückfragen:
Martin Hof, Pressesprecher WWF Österreich, +43 676 83488 306, martin.hof@wwf.at
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
Vergiftete Gänsegeier: Neue Spuren im Kärntner Giftfall
WWF und BirdLife: Aktuelle Genanalyse des Mageninhalts liefert neue Erkenntnisse zur Vergiftung – Wölfe könnten das eigentliche Ziel der Täter gewesen sein
Artenschutz: WWF-Studie stellt Bundesländern schlechtes Zeugnis aus
WWF-Bundesländerbarometer: Nur vier von 35 Bewertungen erreichen gute Umsetzung – Große Defizite beim Management von Biber, Fischotter, Luchs und Wolf – Lichtblick beim Seeadler
WWF: Hunderte Menschen setzen Zeichen für den Schutz des Platzertals
660 Meter Menschenkette in Innsbruck machte Ausmaß des geplanten Tiwag-Staudamms sichtbar – Initiative „Rettet das Platzertal“ fordert Stopp des Projekts und naturverträgliche Alternativen
WWF zu EABG-Einigung: Schutz der letzten Flussjuwele vor Aushebelung bewahrt
Untauglicher Entwurf der Koalition in parlamentarischen Verhandlungen entschärft, aber Druck auf Flüsse bleibt hoch – WWF fordert Energiewende mit naturverträglichen Standorten und mehr Effizienz
Budget: WWF kritisiert Kürzungen bei Umwelt und Klima
Umweltschutzorganisation ortet falsche Prioritäten: Umweltschädliche Subventionen bleiben großteils unangetastet, Biodiversität bleibt unterfinanziert, beim Klimaschutz wird gekürzt
WWF: Österreichs Luchsbestand auf nur mehr rund 30 Tiere geschrumpft
Tag des Luchses: Aktueller FFH-Bericht an die EU-Kommission zeigt weitere Verschlechterung der bislang größten Teilpopulation im Mühl- und Waldviertel – WWF fordert rasche Bestandsstützung
WWF: Neun von zehn Flusspegeln mit Niedrigwasser
90 Prozent der Pegelmessstellen mit niedrigen bis sehr niedrigen Abflüssen – Flüsse in Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark besonders betroffen – WWF fordert mehr Renaturierung und Schutz für Gewässer
Welttag der Ozeane: WWF fordert Verdreifachung der Schutzgebiete im Mittelmeer
Rund 90 Prozent der Meeresfläche im Mittelmeer derzeit nicht geschützt – Überfischung, Verschmutzung und Klimakrise bedrohen einzigartige Artenvielfalt












