WWF begrüßt Konzessionsentzug für acht geplante Wasserkraftwerke an der Mur an der Grenze zur Steiermark – Weg frei für Renaturierung im UNESCO-Biosphärenpark
Ausbau Kraftwerk Kaunertal fällt bei Alpenschutz-Beurteilung durch
Der geplante Ausbau des Kraftwerks Kaunertal verstößt gegen mehrere Kriterien für nachhaltige Wasserkraftnutzung der Alpenschutzkommission CIPRA International, wie eine aktuelle Beurteilung ergeben hat. Die Naturschutzorganisation WWF Österreich fordert daher den sofortigen Stopp des Megavorhabens, das mehrere Tiroler Naturjuwele für immer zerstören würde. „Dieses völlig überdimensionierte Projekt steht wie kein anderes für die einseitige und überholte Energiepolitik des Landes Tirol und der TIWAG. Die von CIPRA festgestellten, substantiellen Versäumnisse zeigen, dass der Ausbau nicht naturverträglich realisierbar ist“, kritisiert Hanna Simons, Leiterin der Natur- und Umweltschutzabteilung des WWF. „Wir beurteilen normalerweise keine Einzelprojekte und sind auch nicht grundsätzlich gegen Wasserkraft in den Alpen“, erklärt Kaspar Schuler, Geschäftsführer der CIPRA International. „Der geplante Kraftwerksausbau verstößt aber so eindeutig gegen unsere Kriterien für nachhaltige Wasserkraftnutzung, dass wir die Einstellung des Projekts empfehlen.“ Anlässlich dessen fordert der WWF den Stopp aller Planungen und eine Absage aller Tiroler Parteien an die drohende Verbauung einzigartiger Naturjuwele. „Anstatt bodenfressender Megaprojekte braucht es einen konsequenten Schutz unserer Alpen und eine naturverträgliche Energiewende“, fordert Hanna Simons.
Der Ausbau des Kraftwerks Kaunertal verstößt laut Kaspar Schuler vor allem gegen zwei zentrale CIPRA-Kriterien für nachhaltigen Wasserkraftausbau: Das wichtigste betrifft den Erhalt der letzten ökologisch intakten Flüsse, Bäche und Flussstrecken, was auch die von Österreich mitunterzeichnete Wasserdeklaration der Alpenkonvention festhält. „Den vom Ausbau des Kraftwerks Kaunertal betroffenen Gletscherflüssen Venter und Gurgler Ache sollen bis zu 80 Prozent des Wassers entzogen werden. Das hätte fatale Folgen für die Gewässerökologie der beiden Flüsse und auf das Ötztal, das schon jetzt zu den niederschlagsärmsten Tälern Tirols gehört“, kritisiert CIPRA-Geschäftsführer Schuler. „Dasselbe trifft auf das Platzertal zu, das hinter einem 120 Meter hohen Staudamm verschwinden soll – es darf doch kein weiteres ökologisch wertvolles Hochtal geopfert werden.“
Darüber hinaus kritisiert die Alpenschutzkommission den zu starken Fokus der Tiroler Energiewende auf die bereits extrem ausgebaute Wasserkraft. „Bevor ein Projekt von diesen Dimensionen in Betracht gezogen werden darf, muss zuerst alles getan werden, um den Energieverbrauch zu reduzieren und andere erneuerbare Energien naturverträglich stärker auszubauen.“ Derzeit produziert Tirol 95 Prozent seines Stroms aus Erneuerbaren mit Wasserkraft, während etwa der Anteil aus Photovoltaik weniger als 1,5 Prozent beträgt. Auch sind in Tirol erst rund ein bis zwei Prozent des PV-Potenzials ausgeschöpft.
Über den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal:
Neben der Ableitung großer Wassermengen aus wichtigen Gletscherflüsse und der Verbauung eines der letzten intakten Hochtäler, würde der Ausbau des Kraftwerks Kaunertal auch den Verlust von 6,3 Hektar Moorlandschaft im Platzertal bedeuten. Darüber hinaus würde die Schwallbelastung im Inn verstärkt und es würden rund 90 Kilometer neue Restwasserstrecken entstehen. Insgesamt beträfe das Megaprojekt 20 Gemeinden – sei es durch jahrelange Großbaustellen oder durch den dauerhaften Entzug des Wassers, was gerade in Zeiten der Klimakrise dringend für Menschen und Landwirtschaft benötigt wird.
In der im Mai vorgestellten Kaunertal-Erklärung unterstützen über 40 weitere Organisationen und Wissenschaftler*innen die WWF-Forderungen nach einem Stopp des Projektes sowie nach einer naturverträglichen Energiewende und dem Schutz der letzten intakten Alpenflüsse.
Über CIPRA International
Der 1952 gegründeten Commission Internationale pour la Protection des Alpes, kurz CIPRA, gehören über 100 Organisationen im gesamten Alpenraum an. Die Alpenschutzkommission ist Initiatorin und Hüterin der Alpenkonvention, die 1995 in Kraft trat und von allen acht Alpenstaaten unterzeichnet wurde. Der völkerrechtliche Vertrag zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung der Alpen gilt weltweit als Vorbild.
Die CIPRA-Position zur Nutzung der Alpenflüsse für die Wasserkraft umfasst fünf Hauptkriterien:
1) Vorausschauende Planung und Reduzierung des Energieverbrauchs vor dem Ausbau der Wasserkraft,
2) Bestehende Wasserkraftwerke sanieren, statt neue zu bauen,
3) Die Süßwasserperlen der Alpen bewahren – intakte Flüsse und Flussabschnitte sowie kleine Flüsse und Bäche verschonen,
4) Einsatz kleiner Wasserkraftwerke nur für begrenzte und isolierte, lokale Bedürfnisse,
5) Verstärkung des länderübergreifenden Austauschs und der Zusammenarbeit.
Weiterführende Informationen zu CIPRA International finden Sie unter https://www.cipra.org
Fotos und Hintergrundinformationen zum Ausbauprojekt gibt es hier zum Download: https://wwf-bilder.px.media/share/1661854053JT2JvlLT5GjYx7
News
Aktuelle Beiträge
Good News: Slowenien stoppt Kraftwerkspläne an der Mur
Aufatmen an einem der letzten großen, frei fließenden Flüsse Mitteleuropas: 8 geplante Wasserkraftwerke an der Mur werden doch nicht gebaut.
WWF-Hilferuf: Amphibien in Not am Tiroler Inn
Neue Untersuchung zeichnet drastisches Bild vom Zustand der Frosch- und Schwanzlurche – INNsieme connect setzt Hilfsmaßnahmen für bedrohte Amphibienarten
Good News: Rekordverdächtige Tiger-Großfamilie in China gesichtet
Extrem seltene Sichtung in Nordchina: Eine Amur-Tigerin streift dort mit gleich 5 Jungtieren durch die Wälder.
WWF: Neuer IPBES-Bericht sollte Weckruf für Politik und Wirtschaft sein
Report zeigt wirtschaftliche Risiken des Verlusts von Arten und Ökosystemen – WWF fordert Gegensteuern – „Wer ohne Rücksicht auf planetare Grenzen wirtschaftet, sägt am eigenen Ast“
WWF renaturiert einen der längsten natürlichen Flussabschnitte Österreichs
Naturschutzorganisation bereitet Abbruch von zwei Dämmen vor und vernetzt 57 Flusskilometer – Radlbach und Lieser damit für Fischarten wieder verbunden
Neue Petition: Umwelt-Allianz warnt vor Kahlschlag im EU-Naturschutz
WWF: Sauberes Wasser, geschützte Arten und Naturschätze durch EU-Pläne massiv bedroht – Über 50 Umweltverbände mobilisieren gegen Angriffe
WWF-Erfolg: Wisente erfolgreich im Kaukasus ausgewildert
Es war der Start eines großen Abenteuers für 18 Wisente: Die Tiere konnten erfolgreich im Kaukasus ausgewildert werden und somit in ihre Heimat zurückkehren. Darunter auch Ina, eine selbstbewusste und forsche Kuh aus Innsbruck.
WWF-Auswilderungsprojekt: Tiroler Wisent-Kuh „Ina” erfolgreich im Kaukasus freigelassen
Naturschutzorganisation siedelt Wildrinder in ihrer Heimat Aserbaidschan an – Kuh „Ina” aus Innsbruck ist eines von 18 Tieren – WWF: „Paradebeispiel für internationalen Artenschutz”









