Staaten bleiben bei Naturschutz-Finanzierung und Abbau umweltschädlicher Subventionen hinter notwendiger Ambition zurück – WWF fordert Konsequenzen auch in Österreich
Neue Studie: Europas Flüssen droht der Kollaps. Mehr als 8.700 neue Wasserkraftwerke geplant.
WWF und Riverwatch warnen: Ein Drittel aller in Europa geplanten Wasserkraftwerke liegt in Schutzgebieten – Österreich im negativen Spitzenfeld – Aussterben von bis zu 30 Fischarten befürchtet – Studienautoren empfehlen Subventionen für Sanierungen statt Neubauten
Wien / Brüssel, am 28. November 2019. Laut einer heute, Donnerstag, veröffentlichten Studie bedroht ein Wasserkraftausbau von bisher ungeahntem Ausmaß die letzten intakten Flusslandschaften Europas. Über 21.000 Wasserkraftwerke blockieren heute schon die europäischen Flüsse. Mehr als 8.700 zusätzliche sind geplant oder bereits im Bau. „Aufgrund dieser Ausbauwelle droht ein Kollaps unserer Flussökosysteme, der Österreich besonders betreffen wird. Schon jetzt ist ein massives Artensterben zu beobachten“, warnt Gerhard Egger, Gewässerschutzexperte des WWF Österreich. Bereits 90 Prozent der heimischen Süßwassertiere weisen einen ungünstigen Erhaltungszustand auf. Nur noch 15 Prozent der österreichischen Flüsse sind in einem ökologisch sehr guten Zustand. Der Grund dafür sind Kraftwerke, harte Verbauung und Verschmutzung. „Die naturverträgliche Ausbaugrenze für Wasserkraft ist an den meisten Flüssen längst erreicht. Die Politik muss hier gegensteuern“, appelliert Egger.
Konkret fordern die Umweltschutzorganisationen WWF und Riverwatch in Anlehnung an den Green New Deal for Europe der EU-Kommission auch einen Blue Deal for Rivers. „Neben einem strengen Schutz für die letzten intakten Gewässer und einer breiten Revitalisierungsoffensive braucht es auch einen Stopp von Förderungen für neue Wasserkraftwerke in Schutzgebieten und sensiblen Flusstrecken“, so Gerhard Egger. „Für Österreich bedeutet das: Sanierung vor Neubau. Hier schlummern bei veralteten Wasserkraftanlagen große Potenziale, die weitgehend ohne Naturzerstörung abgerufen werden können. Darüber hinaus muss eine zukunftsorientierte Klima- und Energiepolitik ambitionierte Energiespar-Maßnahmen sowie die Förderung von Sonnenenergie, Geothermie und Windenergie in den Mittelpunkt stellen.“
Die vom WWF, RiverWatch, GEOTA und EuroNatur in Auftrag gegebene Studie „Hydropower Pressure on European Rivers“ stellt der europäischen Umweltpolitik ein vernichtendes Zeugnis aus. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass der geplante Ausbau auch in zahlreiche Schutzgebiete hineinreicht. Europaweit und auch in Österreich soll rund jedes dritte neue Wasserkraftwerk an einer geschützten Flussstrecke gebaut werden. „Die neue Erhebung macht erstmals das gesamte Ausmaß der Bedrohung durch Wasserkraftwerke deutlich. Wenn wir diesen Ausbauwahn nicht stoppen, ist es das Ende der letzten lebendigen Flüsse und der endgültige Exodus der Artenvielfalt in Europa“, so Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch.

Mit mehr als 4.300 größeren Wasserkraftwerken hält Österreich in Relation zur Fläche den Negativrekord als schlimmster Flussverbauer Europas. Geht es nach den Plänen der Energieversorger sollen in Österreich hunderte neue Kraftwerke gebaut werden. Auf die Natur wird dabei insgesamt viel zu wenig Rücksicht genommen, wie Daten des Umweltministeriums zeigen. Denn vier von fünf bestehenden Werken verfehlen die ökologischen Mindestanforderungen. „Dass von den öffentlich bekannten Neubauprojekten fast jedes Dritte ein österreichisches Schutzgebiet belasten wird, ist nicht nur ökologisch verheerend, sondern ist auch ein miserables Vorbild für Länder, die selber vor der Frage stehen, ob sie ihre Flüsse schützen sollen – etwa die Balkanstaaten“. so Ulrich Eichelmann.

Wissenschaft warnt vor Artensterben in Europas Gewässern
Mindestens 20 und bis zu 30 Fischarten könnten aussterben, sollte die angekündigte Wasserkraftexpansion umgesetzt werden. Darüber hinaus müssten über 95 Prozent der südeuropäischen Fischfauna auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN aufgenommen werden. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Steven Weiss, Assoz. Univ.-Prof. von der Universität Graz. „Wir müssen verstehen, dass der ohnehin schon hohe Bedarf an Wasserressourcen – insbesondere in Südeuropa – durch eine solch groß angelegte Wasserkraftnutzung noch verstärkt wird. Dies führt zu einer tödlichen Kombination für die biologische Vielfalt im Süßwasser“, sagt Steven Weiss von der Universität Graz.
Daher fordern WWF und Riverwatch von der künftigen österreichischen Bundesregierung eine Absage an besonders fatale laufende Projektverfahren. Das betrifft geplante Kraftwerke in besonders sensiblen Gebieten, wie an der Schwarzen Sulm und der Mur in der Steiermark, am Kamp und Ybbs in Niederösterreich, an Isel, Kalserbach und Ötztaler Ache in Tirol, der Meng in Vorarlberg und der Saalach in Salzburg.
Hintergrund: Hydropower Pressure on European Rivers
Mithilfe der Studie „Hydropower Pressure on European Rivers“, in Auftrag gegeben von WWF, RiverWatch, GEOTA und EuroNatur, werden zum ersten Mal die Dimensionen der bereits bestehenden Flussverbauung sowie die enormen Ausbaupläne in Europa dargestellt.
Zentrale Erkenntnisse:
- Europa ist bereits mit 21.387 größeren Wasserkraftwerken (mit einer Leistung von mehr als 0,1 MW) ausgelastet.
- Dennoch sind 8.779 weitere Anlagen geplant oder im Bau.
- 28 Prozent aller neu geplanten Wasserkraftwerke befinden sich in Schutzgebieten – davon mehr als 540 in Nationalparks und über 1.350 in Natura 2000-Gebieten.
- Insgesamt 91 Prozent der erfassten Kraftwerke sind kleine Anlagen, die nur von lokaler Bedeutung sind (Laut EU-Kommission ist der Beitrag von Kleinwasserkraftwerken mit einer Kapazität von 10 Megawatt oder weniger zur globalen Energieerzeugung äußerst begrenzt, während ihre Auswirkungen auf die Umwelt unverhältnismäßig groß sind).
Bildmaterial, Grafiken und weitere Infos zum Download unter:https://file.wwf.at/d/0d4d1f102a5343a98d60/

Rückfragehinweis:
WWF Österreich:
Gerhard Egger, Gewässerschutz-Experte beim WWF Österreich, Tel.: 0676 83488 272, gerhard.egger@wwf.at
Vincent Sufiyan, Pressesprecher, Tel.: 0676 83488 308,
vincent.sufiyan@wwf.at
Riverwatch:
Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch, Tel. 0676 6621512, ulrich.eichelmann@riverwatch.eu
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
CITES-Meeting: WWF warnt vor Tigerfarmen als Deckmantel für illegalen Wildtierhandel
Große Datenlücken erschweren Kontrolle des Handels mit Tigern – WWF fordert strengere Aufsicht und ein Ende der Zucht für den Handel mit Körperteilen – Artenschutzgremium CITES tagt in Genf
WWF und Ozeanforscherin Sylvia Earle legen Grundstein für besseren Schutz des Mittelmeers
Neue Hoffnungs-Zone für den Artenschutz im Mittelmeer – Basis für grenzüberschreitenden Schutz seltener Hai- und Rochenarten, Wale, Delfine und Meeresschildkröten – WWF fordert politische Zusagen
Weltnaturkonferenz: WWF fordert Kurskorrektur bei Milliarden-Subventionen
UNO-Konferenz vor Abschluss – Reform umweltschädlicher Subventionen stark umkämpft – Naturschutzorganisation fordert verbindlichen Finanzierungsplan
WWF zum Klimagesetz: Ohne verbindliche Pflichten droht Mogelpackung
Begutachtungsfrist endet am Freitag: Verbindliche Sektorziele und Rechtsschutz fehlen, Standortklausel ermöglicht Rückzieher – Bundesregierung und Nationalrat müssen Entwurf nachschärfen
WWF: 20 Spitzmaulnashörner zum Schutz vor Wilderern evakuiert
Nashorn-Wilderei in Südafrika bedroht Arterhalt – Umsiedlung von Tieren nach Botswana zum Aufbau neuer Populationen – WWF vor Ort im Einsatz gegen illegale Jagd und Handel mit Nashorn-Horn
Weltnaturkonferenz: WWF warnt vor Scheitern zentraler Verhandlungen
Zum Start des Ministersegments stocken Verhandlungen über Naturschutz-Finanzierung – WWF fordert verbindliche Finanzierungszusagen und Abbau umweltschädlicher Subventionen
WWF: Über 1,25 Millionen Stimmen gegen Abbau des EU-Naturschutzes
Umwelt-Allianz übergibt Petition heute an EU-Umweltkommissarin Roswall – WWF fordert Erhalt zentraler Schutzgesetze und klare Position der Bundesregierung
WWF zu Klimaschäden: Bundesregierung muss Klimaschutz und Vorsorge stärken
Studie der Uni Graz zeigt steigende Kosten des Nicht-Handelns – WWF fordert verbindliche Klimaziele, Abbau klimaschädlicher Förderungen und mehr natürlichen Schutz vor Extremwetter












