77 Prozent der wertvollen Flussstrecken ohne verbindlichen Schutz vor weiterem Wasserkraftausbau – Hitze und Dürre machen Schutz und Renaturierung dringlicher – WWF legt Zeugnisse für alle neun Bundesländer vor
WWF Report: Mittelmeer versinkt im Müll
Wien, 06.07.2019 – Mittelmeerländer scheitern daran, ihren Kunststoffmüll umweltverträglich zu entsorgen. Mehr als eine halbe Million Tonnen Plastik werden deshalb jährlich in das Binnenmeer geschwemmt. Das entspricht umgerechnet 33.800 Plastikflaschen pro Minute. Täglich sammeln sich fünf Kilogramm Kunststoffmüll pro Küstenkilometer an. Beliebte Reiseziele der Österreicher zählen zu den meistverschmutzten Gegenden, wie eine Analyse der Umweltschutzorganisation WWF zeigt. Vor allem Barcelona, Tel-Aviv, Valencia, Venedig, das Po-Delta, die Bucht von Marseille und die türkische Region Kilikien sind betroffen. „Der Tourismus erhöht den Druck aufs Mittelmeer. Die kommunale Abfallentsorgung kann mit dem saisonal steigenden Müllaufkommen nicht mithalten. Während der Urlaubszeit mit bis zu 200 Millionen Reisenden steigt die Abfallbelastung der Küstenregionen um bis zu 40 Prozent“, sagt Axel Hein, Meeresbiologe des WWF Österreich.
„Die Natur zahlt den höchsten Preis für die Verschmutzung des Mittelmeeres. Doch auch für die Wirtschaft wird die Plastikflut teuer“, warnt Hein. Meeresmüll verursacht jährlich Kosten von 641 Millionen Euro für Tourismus, Fischerei und maritime Wirtschaft. Gleichzeitig tragen Wirtschaftszweige wie der Seehandel und die Fischerei zur Misere bei: 20 Prozent des Kunststoffmülls sind verlorene Ladung oder Fischereigerät. Hauptursache für die Mittelmeer-Verschmutzung ist ein grundsätzlicher Systemmangel, beruhend auf Versäumnissen bei Produzenten und Behörden. Mehr als die Hälfte des im Mittelmeerraum produzierten Kunststoffs landet innerhalb von einem Jahr in der Mülltonne. Der Großteil endet auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen, nur ein Bruchteil wird wieder genutzt oder recycelt.
Wenig Recycling, Müllimporte binden Kapazität
Abfallentsorgung und Recyclinganlagen sind rund um das Mittelmeer unterschiedlich gut ausgebaut. Offene Mülldeponien sind vielerorts verbreitet, wodurch Müll über die Flüsse ins Meer geschwemmt wird. Von 24 Millionen Tonnen der jährlich in den Mittelmeerländern anfallenden Plastikabfälle werden 6,6 Millionen Tonnen unkontrolliert beseitigt – also entweder gar nicht erst eingesammelt oder auf illegalen Deponien oder in der offenen Landschaft entsorgt. Die drei Anrainerstaaten Ägypten, Türkei und Italien sind verantwortlich für zwei Drittel der Kunststoffabfälle, die in die Umwelt gelangen.
Zudem führte der chinesische Importstopp für Plastikmüll zu Verschiebungen im globalen Handel mit Kunststoffabfällen. Seit 2018 gehört die Türkei zu den zehn größten Plastikmüll-Importländern der Welt und nimmt steigende Müllmengen aus Großbritannien, Belgien und Deutschland auf. „Ein Großteil der Recyclingkapazität in der Türkei wird für importierten Plastikmüll eingesetzt“, so Hein. Diese Abfälle sind besser sortiert als der lokal anfallende Müll, der nicht wiederverwertet wird oder im schlimmsten Fall unkontrolliert in die Umwelt gelangt. „Statt die Recyclinganlagen schwach entwickelter Länder mit westeuropäischem Müll zu verstopfen, sollten wir diese dabei unterstützen, bessere Sammel-, Sortier- und Mehrwegsysteme zu etablieren“, appelliert Hein.
Der WWF fordert Österreich und die Europäische Union auf, sich auf allen Ebenen für ein ambitioniertes internationales UN-Abkommen gegen den Eintrag von Plastikmüll ins Meer einzusetzen. Dieses soll strenge Ziele gegen Plastikmüll enthalten und zu nationalen Aktionsplänen verpflichten. Es soll zudem die Grundlage für eine verstärkte Zusammenarbeit mit weniger entwickelten Staaten legen, um beispielsweise den Ausbau der Infrastruktur für Müllentsorgung und -wiederverwertung voranzutreiben. „Wir brauchen eine gemeinsame globale Antwort gegen die Plastikflut. Sonst verkommt nicht nur das Mittelmeer zur Deponie“, schließt Hein.
Rückfragehinweis:
Mag. Florian Kozák, Pressesprecher WWF Österreich
florian.kozak@wwf.at, +43 676 83 488 276
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
UNO-Artenschutzkonferenz: WWF bewertet Ergebnis als „verpasste Chance“
Staaten bleiben bei Naturschutz-Finanzierung und Abbau umweltschädlicher Subventionen hinter notwendiger Ambition zurück – WWF fordert Konsequenzen auch in Österreich
CITES-Meeting: WWF warnt vor Tigerfarmen als Deckmantel für illegalen Wildtierhandel
Große Datenlücken erschweren Kontrolle des Handels mit Tigern – WWF fordert strengere Aufsicht und ein Ende der Zucht für den Handel mit Körperteilen – Artenschutzgremium CITES tagt in Genf
WWF und Ozeanforscherin Sylvia Earle legen Grundstein für besseren Schutz des Mittelmeers
Neue Hoffnungs-Zone für den Artenschutz im Mittelmeer – Basis für grenzüberschreitenden Schutz seltener Hai- und Rochenarten, Wale, Delfine und Meeresschildkröten – WWF fordert politische Zusagen
Weltnaturkonferenz: WWF fordert Kurskorrektur bei Milliarden-Subventionen
UNO-Konferenz vor Abschluss – Reform umweltschädlicher Subventionen stark umkämpft – Naturschutzorganisation fordert verbindlichen Finanzierungsplan
WWF zum Klimagesetz: Ohne verbindliche Pflichten droht Mogelpackung
Begutachtungsfrist endet am Freitag: Verbindliche Sektorziele und Rechtsschutz fehlen, Standortklausel ermöglicht Rückzieher – Bundesregierung und Nationalrat müssen Entwurf nachschärfen
WWF: 20 Spitzmaulnashörner zum Schutz vor Wilderern evakuiert
Nashorn-Wilderei in Südafrika bedroht Arterhalt – Umsiedlung von Tieren nach Botswana zum Aufbau neuer Populationen – WWF vor Ort im Einsatz gegen illegale Jagd und Handel mit Nashorn-Horn
Weltnaturkonferenz: WWF warnt vor Scheitern zentraler Verhandlungen
Zum Start des Ministersegments stocken Verhandlungen über Naturschutz-Finanzierung – WWF fordert verbindliche Finanzierungszusagen und Abbau umweltschädlicher Subventionen
WWF: Über 1,25 Millionen Stimmen gegen Abbau des EU-Naturschutzes
Umwelt-Allianz übergibt Petition heute an EU-Umweltkommissarin Roswall – WWF fordert Erhalt zentraler Schutzgesetze und klare Position der Bundesregierung












