7,7 Hektar pro Tag – Politisches Ziel deutlich überschritten – „Boden-Budget“ bereits Ende April erschöpft – WWF fordert Maßnahmen gegen fortschreitende Verbauung
Hände weg vom "Flussheiligtum" Tiroler Lech !
Innsbruck, am 19. Dezember 2008 – Als vehementer Gegner des geplanten Ausbaus des ÖBB-Kraftwerks Spullersee im Oberen Lechtal präsentierte die Arbeitsgemeinschaft Tiroler Lechtal heute in Innsbruck eine internationale Protestnote an EU-Kommissar Dimas, Bundespräsident Fischer und die Landeshauptleute von Tirol und Vorarlberg, Platter und Sausgruber. Die Unterzeichner, darunter namhafte Wissenschaftler und international tätige Naturschutzorganisationen, fordern einen sofortigen Stopp aller Kraftwerkspläne im gesamten Einzugsgebiet des Lech und einen dauerhaften und effizienten Schutz des letzten Wildflusssystems der Nordalpen.
Der von der ÖBB Bau AG geplante Ausbau des Wasserkraftwerks Spullersee wirkt sich negativ auf die beiden Natura 2000-Gebiete Tiroler Lech und Klostertaler Bergwälder (Vorarlberg) aus, kritisieren die Proponenten der Protestnote, darunter der Österreichische und Deutsche Alpenverein, die Tiroler Naturfreunde und der Naturschutzbund Tirol, sowie die Umweltorganisationen Greenpeace, Global 2000 und WWF. „In einem verordneten Schutzgebiet, in dem das Schutzgut das Flussökosystem selbst ist, darf der Wasserhaushalt nicht durch Kraftwerke verändert werden!“, so die Unterzeichner empört.
Neben dem Lech würden auch die europaweit bedeutenden Bergwälder des Vorarlberger Klostertales – wichtiger Lebensraum für Greifvögel und Eulen – durch die Kraftwerkserrichtung massiv beeinträchtigt. Gemäß den EU-Naturschutzrichtlinien ist in Natura 2000-Gebieten jegliche Verschlechterung ihrer Schutzgüter verboten.
Der Lech zählt zu Europas wertvollsten und urtümlichsten Flusssystemen und genießt wegen seines hohen ökologischen Wertes gleich dreifachen Schutz: Das Lechgebiet ist als Naturpark, Naturschutzgebiet und Natura 2000 – Gebiet ausgewiesen. „Ein solches Schutzgut von internationaler Bedeutung muss unantastbar sein!“, fordert Nicole Schreyer, Leiterin des WWF-Alpenprogramms. “Jeglicher zerstörerische Eingriff in das sensible Lechsystem wäre ein Tabubruch und ein verheerendes Signal für Österreichs Naturschutzpolitik“, so Schreyer weiter. „Gerade die umweltfreundliche Bahn sollte dafür Sorge tragen, dass nicht unsere letzten Naturjuwele unter die Räder kommen!“
Neben dem Präsidium des Österreichischen „Forum Wissenschaft und Umwelt“ sprechen sich auch deutsche Wissenschaftler gegen die neue Kraftwerksnutzung am Spullersee aus. So lehnt Prof. Dr. Norbert Müller, internationaler Wildflussexperte aus Erfurt, Eingriffe jeglicher Art am Lech und seinem Einzugsgebiet vehement ab: „Der Lech gehört zu den letzten Refugialökosystemen (Rückzugsgebieten) für die biologische Vielfalt der ehemals so häufigen Wildflusslandschaften in den Nordalpen. Wir brauchen Systeme wie den Lech auch als Anschauungsobjekte für die Herausforderungen der Zukunft, wenn es etwa um den Klimawandel und die Renaturierung der Alpenflüsse geht!”
Im Rahmen eines ambitionierten EU-LIFE-Projekts wurden bislang 7,8 Millionen Euro in groß angelegte Renaturierungsmaßnahmen und Artenschutzprogramme des Tiroler Lech investiert. „Es ist grotesk, den Lech unten im Tal um viel Geld zu sanieren, und oben an den Quellen zu zerstören!“, betont Schreyer vom WWF.
"Alle Flüsse und Bäche dieses Lechsystems sind wie die Finger einer Hand, die nur funktionsfähig ist, wenn alle Finger dran sind“, pflichtet Karlheinz Baumgartner, Pfarrer von Steeg am Lech, bei. „Die Lechtalerinnen und Lechtaler stemmen sich seit mehr als 10 Jahren mit aller Kraft gegen die Kraftwerksnutzung in unserem Tal. Es darf nicht den Begehrlichkeiten der Kraftwerkslobby geopfert werden!“
Der Musiker Toni Knittel alias "Bluatschink" hat im Einsatz für die schützenswerte Natur des Lechgebietes dem "Haschreck im Lechtl" sogar ein eigenes Lied gewidmet. Heute erklärte er: "Wenn wir uns im Lechtal vor einigen Jahren selbst auferlegt haben, auf alle Bauprojekte zu verzichten, die die Unversehrtheit des Fluss-Systems des Lech in Frage stellen, dann ist es geradezu ein Hohn, wenn die ÖBB jetzt diesen ‚letzten Wilden’ ausgerechnet an seinen Wurzeln kastrieren wollen!“
Die einzigartige Natur des Lechtales ist das größte Kapital der Region. Durch Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Naturpark Lech hat sich die gesamte Region in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Alle diese Anstrengungen würden durch Projekte wie das KW Spullersee mit einem Schlag in Frage gestellt, so die Gegner der ÖBB-Kraftwerkspläne.
Rückfragehinweis und Fotos:
Claudia Mohl, WWF-Pressesprecherin, Tel. 01/488 17 – 250.
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
Budget: WWF fordert Wasserzins nach Schweizer Vorbild
Österreichisches Modell könnte rund 685 Millionen Euro jährlich für Budget bringen – Einnahmen sollen zweckgebunden in Gewässerschutz, Renaturierung und Energiesparmaßnahmen fließen
WWF: Salzburger Wolf-Verordnung verstößt gegen EU-Recht
Naturschutzorganisation warnt vor Gefährdung des Artenschutzes und erheblichem Tierleid – Rückzug der Verordnung aufgrund zahlreicher Mängel gefordert
WWF-Analyse zeigt dramatische Unterfinanzierung des Naturschutzes
Finanzierungslücke von fast einer Milliarde Euro beim Schutz der Biodiversität – Nur 30 Prozent des Bedarfs gedeckt – WWF und Wissenschaft fordern Kurswechsel bei Budget-Entscheidungen
WWF kritisiert Österreich-Vorstoß zur Lockerung von EU-Umweltauflagen
Kritik an Vorpreschen der Bundesregierung bei Deregulierung – Natur- und Artenschutz-Richtlinien wichtiges Schutzschild für Biodiversität und Klima
Durchbruch an der Grenzmur: WWF zeigt, wie Renaturierung gelingt
WWF Österreich und slowenische Projektpartner stellen natürlichen Fluss der Mur wieder her – Verbesserung des Hochwasserschutzes und der Flusslebensräume
Hitzetod bedroht Amazonas-Delfine: Studien zeigen gefährliche neue Normalität
Anhaltende Überhitzung von Flüssen gefährdet seltene rosa Flussdelfine – Klimakrise als Ursache für “thermische Fallen” von bis zu 41 Grad Celsius – WWF fordert besseren Schutz von Flüssen
Hunde-Spaziergang am Inn: Wie man Vogel-Nachwuchs schützen kann
An den Kiesbänken des Inns brüten derzeit wieder seltene Vogelarten. Doch Spaziergänger:innen und freilaufende Hunde können den Nachwuchs unwissentlich gefährden.
Statusbericht Wolf: 121 Wölfe in Österreich nachgewiesen, weniger Rudel, kaum Nachwuchs
Neuer Bericht des Österreichzentrums: Rückgang auf acht Wolfsrudel im Vorjahr, nur wenige Welpen, Rekordzahl an Abschüssen – WWF fordert mehr Herdenschutz













