WWF-Bundesländerbarometer: Nur vier von 35 Bewertungen erreichen gute Umsetzung – Große Defizite beim Management von Biber, Fischotter, Luchs und Wolf – Lichtblick beim Seeadler
Wiener Schwedenplatz mit 13 Meter langer Mauer versperrt
Wien, am 20. Oktober 2010 – Stopp, hier geht es nicht weiter! Eine riesige Mauer versperrt heute am Schwedenplatz in Wien PassantInnen den Durchgang. Genauso ergeht es Tieren und Pflanzen jeden Tag, wenn wir mit unseren Straßen, Siedlungen und hart verbauten Flüssen ihre Wanderwege zerschneiden. Mit der Aktion „The Wall“ macht die „Initiative Ökologisches Kontinuum“ im Zuge der 10. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD), die derzeit in Nagoya/Japan statt-findet, auf die Problematik zerschnittener Lebensräume aufmerksam. „Störungsarme Landschaftsbänder aus Wäldern, Wiesen oder Aulandschaften, die intakte Lebensräume verbinden, sind der Schlüssel für die Sicherung der biologischen Vielfalt“, betonen die Initiatoren, darunter der WWF. Die Aktion findet zeitgleich in fünf weiteren Alpen-städten statt.
Mit über 270.000 Kilometern hat Österreich eines der dichtesten Straßennetze Europas. Un-zählige Wildtiere fallen täglich unsrer Verkehrs- und Siedlungsentwicklung zum Opfer. Doch auch die „unsichtbaren“ Folgen der Zerschneidung von Lebensräumen beschleunigen das Aussterben bedrohter Arten. „Jeden Tag schrumpft der Naturraum in Österreich um eine Flä-che von 19 Hektar – das entspricht 27 Fußballfeldern“, rechnet Gerhard Egger vom WWF vor. Wertvollste Lebensräume für bedrohte Arten gehen dadurch ebenso verloren wie Natur- und Erholungsräume für Menschen.

Zerschnitten und verinselt: Es wird eng für die Natur
Obwohl es immer wieder Hinweise von Luchsen in Österreich gibt, wird der Bestand nur auf etwa fünf bis 15 Tiere geschätzt. Weil ein adäquates Monitoring fehlt, kann die Anzahl der Luchse nur geschätzt werden. Die scheue Raubkatze braucht zum Überleben weite zusam-menhängende Waldgebiete, ob im alpinen Teil Österreichs oder in den tieferen Lagen des Mühl- und Waldviertels. „Auch in der Kulturlandschaft der Alpen könnten Luchse leben, oh-ne dass sie dem Menschen groß in die Quere kommen“, erläutert Prof. Chris Walzer vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Sie sind vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs, und dank ihrer hervorragenden Tarnung für uns so gut wie unsichtbar.“ Um den Luchsbestand zu stärken und den Tieren ein dauerhaftes Überleben in Österreich zu ermöglichen, müssen intakte „Inseln“ in der Kultur- oder Naturlandschaft durch Landschaftsbänder vernetzt werden. „Die physikalischen Verbindungen sind relativ leicht zu beheben – sie kosten ‚nur’ Geld“, so Walzer. „Das wahre Problem sind jedoch oft die Barrieren im Kopf. Diese können nur in Zusammenarbeit mit allen Interessensgruppen abgebaut werden“, wirbt der Wildtierprofessor und Leiter des alpenweiten Econnect-Projekts für einen anderen Umgang mit dem Thema Luchs.

Alpen-Karpaten-Korridor: Grenzüberschreitendes Vorzeigeprojekt
Österreich und die Slowakei sichern einen wichtigen Brückenkopf zwischen den Alpen und den Karpaten. Beginnend beim Wechsel, über das Leithagebirge, durch die Donau-March-Thaya-Auen bis hinein in die Kleinen Karpaten nördlich von Bratislava führt seit jeher ein „grüner Korridor“ mit einer Gesamtlänge von 150 Kilometern. Dieses Landschaftsband nutz-ten Wildtiere wie Rothirsch, Luchs und Wildkatze traditionell für ihre weiträumigen Wande-rungen, um Nahrungsgründe aufzusuchen und neue Lebensräume zu besiedeln. Derzeit zer-schneiden jedoch vier Autobahnen die Verbindung dieser beiden großen Bergregionen. Grün-brücken – wie die geplante über die A4 bei Göttlesbrunn im Bezirk Bruck/Leitha – sollen Ab-hilfe schaffen und die Wanderwege wieder frei machen.
Damit die Wildtiere nach dem Überqueren der Straßen nicht auf neue Hindernisse wie zum Beispiel Gewerbegebiete stoßen, arbeitet man eng mit der Raumplanung zusammen. Gleich-zeitig wird damit eine nachhaltige Entwicklung der Landschaft für alle Lebewesen, allen vor-an den Menschen, initiiert. „Gemeinsam mit unseren Nachbarn in der Slowakei wollen wir die150 Kilometer des Korridors wieder passierbar machen und als Lebensraum erhalten“, kündigt der NÖ Naturschutzlandesrat Stephan Pernkopf an. Insgesamt vier Grünbrücken an der S4, der A4, der A3 sowie der D2 in der Slowakei sind dafür erforderlich. Die Grünbrücke über die S4 (Mattersburger Schnellstraße) bei Pöttsching im Burgenland ist bereits fertig ge-stellt.

Info-Stopp: Mauer am Schwedenplatz
Die Partner der „Initiative Ökologisches Kontinuum“ setzen sich mit der heutigen Aktion in Wien und fünf weiteren Alpenstädten dafür ein, den ökologischen Verbund in den Alpen zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Bewegungsbedürfnisse von Tieren sollen in Zukunft alpenweit in alle strategischen Planungen einbezogen werden.
Aurelia Ullrich von der Alpenschutzkommission CIPRA und Projektleiterin Ökologisches Kontinuum: „In unseren Nachbarländern ist die Situation ähnlich. Deshalb müssen wir die Lösungen gemeinsam abstimmen. Diese Verbundenheit zeigen wir dadurch, dass wir die Mauer heute auch in Deutschland, in der Schweiz, Slowenien, Italien und Frankreich aufstel-len.“
Die Installation kann heute den ganzen Tag besucht werden. Durch riesige Silhouetten von Tieren hindurch ist sie auch begehbar. Selbsterklärende Texte an den Wänden der Wand so-wie Folder informieren über die Problematik der Lebensraumzerschneidung.

Initiative Ökologisches Kontinuum: Natur ohne Grenzen
Die Initiative Ökologisches Kontinuum hat zum Ziel, den ökologischen Verbund in den Alpen zu erhalten oder wiederherzustellen, in dem sie dafür relevante Projekte und Initiativen anregt und unterstützt. Die Partner der Initiative (Netzwerk Alpiner Schutzgebiete ALPARC, Inter-nationale Alpenschutzkommission CIPRA, Internationales Wissenschaftliches Komitee Al-penforschung ISCAR und WWF Alpenraumprogramm) bieten eine Schnittstelle zwischen Politik, Praxis und Wissenschaft, um den Austausch von Wissen, Erfahrungen und Expertisen zu ermöglichen und diese zugänglich zu machen. Die Arbeit der Initiative Ökologisches Kon-tinuum wird durch die schweizerische MAVA Stiftung für Natur unterstützt.
Rückfragehinweis:
Claudia Mohl, WWF-Pressesprecherin, Tel. 01/48817239,
E-mail: presse@wwf.at
Aurelia Ullrich, CIPRA International, Projektleiterin „Initiative Ökologisches Kontinuum“,
Tel. +43 660 739 31 60, +423 237 53 08,
E-mail: aurelia.ullrich@cipra.org
Rückfragen
News
Aktuelle Beiträge
WWF: Hunderte Menschen setzen Zeichen für den Schutz des Platzertals
660 Meter Menschenkette in Innsbruck machte Ausmaß des geplanten Tiwag-Staudamms sichtbar – Initiative „Rettet das Platzertal“ fordert Stopp des Projekts und naturverträgliche Alternativen
WWF zu EABG-Einigung: Schutz der letzten Flussjuwele vor Aushebelung bewahrt
Untauglicher Entwurf der Koalition in parlamentarischen Verhandlungen entschärft, aber Druck auf Flüsse bleibt hoch – WWF fordert Energiewende mit naturverträglichen Standorten und mehr Effizienz
Budget: WWF kritisiert Kürzungen bei Umwelt und Klima
Umweltschutzorganisation ortet falsche Prioritäten: Umweltschädliche Subventionen bleiben großteils unangetastet, Biodiversität bleibt unterfinanziert, beim Klimaschutz wird gekürzt
WWF: Österreichs Luchsbestand auf nur mehr rund 30 Tiere geschrumpft
Tag des Luchses: Aktueller FFH-Bericht an die EU-Kommission zeigt weitere Verschlechterung der bislang größten Teilpopulation im Mühl- und Waldviertel – WWF fordert rasche Bestandsstützung
WWF: Neun von zehn Flusspegeln mit Niedrigwasser
90 Prozent der Pegelmessstellen mit niedrigen bis sehr niedrigen Abflüssen – Flüsse in Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark besonders betroffen – WWF fordert mehr Renaturierung und Schutz für Gewässer
Welttag der Ozeane: WWF fordert Verdreifachung der Schutzgebiete im Mittelmeer
Rund 90 Prozent der Meeresfläche im Mittelmeer derzeit nicht geschützt – Überfischung, Verschmutzung und Klimakrise bedrohen einzigartige Artenvielfalt
WWF-Check: Rund ein Drittel der Grillfleisch-Angebote ohne österreichische Herkunft
95 Prozent der Grillfleisch-Angebote aus konventioneller Tierhaltung, nur jedes 20. Angebot ist Bio – WWF fordert verpflichtende Kennzeichnung von Herkunft und Haltung
Neue Studie: Ökonomin Stagl warnt vor Budgetrisiken durch fehlende Klimapolitik
Analyse zeigt hohe finanzielle Risiken durch Extremwetter, fossile Preisschocks und fehlende Vorsorge – WWF fordert stärkere Berücksichtigung von Klimarisiken im Doppelbudget













