Wolfsabschüsse auf Rekordniveau, Tötungskontingente für über 1.000 Biber – WWF: Bund und Länder müssen Prävention und Artenschutz stärken
WWF: Ökomasterplan zeigt Grenzen der Wasserkraft auf
Wien, 19. Oktober 2009 – Heute präsentierte der WWF seinen Ökomasterplan als Grundlage für die Sicherung und nachhaltige Nutzung von Österreichs Flüssen. Die Untersuchung wurde mit Experten der Universität für Bodenkultur abgestimmt und zeigt das enorme Konfliktpotential zwischen geplanten Wasserkraftwerken und dem Erhalt ökologisch schützenswerter Flussstrecken. Die Situation der 53 größten heimischen Flüsse ist dramatisch: Mehr als 3.700 Barrieren unterbrechen ihr Fließkontinuum – im Durchschnitt alle 1,7 Kilometer. Univ.-Prof. Dr. Bernd Lötsch, Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien: „Unsere Fließgewässer wurden jahrzehntelang verbaut, ausgeleitet oder zu Flussleichen in Betonsärgen verstaut. Mit diesem Aderlass muss jetzt Schluss sein – die Flüsse haben ihre Schuldigkeit getan! Die Bedeutung der Wasserkraft für die zukünftige Energieversorgung wird derzeit in einer beispiellosen Gehirnwäsche hochstilisiert – in Wahrheit dient sie nur einigen Kraftwerksprojektanten der E-Wirtschaft, die durch Energiekrise und Klimawandel Aufwind verspürt.“ Der WWF sieht sich als Anwalt der Flüsse und betrachtet die vorliegende Analyse als Grundlage für einen bundesweiten Masterplan Wasserkraft, in dem die Ökologie einen gleichrangigen Stellenwert gegenüber der Wasserkraftnutzung bekommt.
Ende 2009 wird von der Bundesregierung im Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan über die Zukunft unserer Flüsse entschieden. Der Ökomasterplan des WWF hat die vorhandenen Daten über die Situation der Österreichischen Flüsse erstmals neu bewertet und gewichtet. „An sensiblen Flussstrecken in Schutzgebieten wie an der steirischen Mur südlich von Graz, oder an ’Flussheiligtümern’ von europaweiter Bedeutung wie dem Tiroler Lech oder der Schwarzen Sulm in der Steiermark ist für die Wasserkraft einfach kein Platz mehr“, schlussfolgert Andreas Wurzer, Stv. Geschäftsführer des WWF Österreich. „In diesen Tabuzonen muss die Natur Vorrang haben!“
Kriterien des WWF-Ökomasterplans
Der Ökomasterplan zeigt die Schutzwürdigkeit der 53 größten Flüsse Österreichs (Einzugsgebiet größer als 500 Quadratkilometer) auf und beleuchtet vier ökologisch wichtige Kriterien in Bezug auf deren „Gesundheitszustand“. Er stützt sich auf die Daten des Lebensministeriums (Ist-Zustandsanalyse, BMLFUW 2006 – ökologischer und morphologischer Zustand) und ergänzt diese um zwei weitere wesentliche Kriterien: Länge der zusammenhängenden freien Fließstrecken ohne Unterbrechungen durch Kraftwerke oder andere Barrieren sowie die Lage von Flussstrecken in Schutzgebieten.
Ergebnis der Analyse
Rund 20 Prozent der Flussstrecken befinden sich noch in einem „natürlichen“ oder „naturnahen“ Zustand. Dazu gehören etwa das „Flussheiligtum“ Tiroler Lech, die Isel in Osttirol oder die steirische Salza. Diese Flussjuwele müssen unbedingt vor der Wasserkraftnutzung geschützt werden.
30 Prozent aller Fließstrecken an den 53 größten heimischen Flüssen sind bereits stark durch Kraftwerke beeinflusst. „Diese Strecken sind entweder eine Abfolge künstlicher Stauseen oder Restwasserstrecken, die nicht mehr als Flüsse bezeichnet werden können“, erklärt Wurzer vom WWF.
Weitere drei Prozent der Flussstrecken müssen als „gering schützenswert“ eingestuft werden, weil sie in allen vier untersuchten Kriterien schlecht abschneiden und insgesamt bereits sehr stark belastet sind. Sieben Prozent der Gewässerstrecken weisen zumindest aufgrund ihres Potentials für Revitalisierungen eine „hohe Schützwürdigkeit“ auf.
Die verbliebenen rund 40 Prozent der Flussstrecken sind zwar nicht als „naturnah“ bzw. „natürlich“ anzusehen. Dennoch handelt es sich um sensible Abschnitte, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie eine zusammenhängende freie Fließstrecke aufweisen oder sogar in einem Schutzgebiet liegen. „Gerade diese Flusslebensräume liegen uns besonders am Herzen, weil sie Hoffnungsträger für den ökologischen Hochwasserschutz sind. Wir haben es in der Hand, aus diesen Strecken wieder lebendige Flüsse zu machen. Davon profitiert nicht nur die Natur, sondern vor allem auch wir Menschen“, so Wurzer.
Beitrag zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der EU
Unsere Flüsse wieder lebendig zu machen, ist das zentrale Ziel der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Diese verpflichtet alle Mitgliedsstaaten der EU, bis 2027 das Qualitätsziel „guter Zustand“ an allen Gewässern zu erhalten oder wiederherzustellen, und deren ökologischen Zustand nicht zu verschlechtern. An Strecken, wo dies nicht mehr möglich ist, muss durch Sanierung ein „gutes ökologisches Potential“ erreicht werden. Der WWF-Ökomasterplan kann demnach auch als Beitrag für die engagierte Umsetzung der EU-WRRL herangezogen werden.
Die Zukunft der Flüsse
Selbst bei Ausschöpfung des gesamten technisch machbaren Potentials kann durch Wasserkraft nur Österreichs Stromverbrauchszuwachs der nächsten fünf Jahre abgedeckt werden. „Danach haben wir keine Flüsse mehr!“, erinnert Professor Lötsch. „Ich bin davon überzeugt, dass wir grundsätzlich den enormen Stromverbrauch senken und viel mehr in Richtung Effizienzsteigerung tun müssen. In der Förderung von Solar- und Windkraft sowie Biomasse liegt noch ein riesiges Potential. Erst danach sollte – in einer ausgewogenen Diskussion und unter Berücksichtung der Ökologie – über jene Flussstrecken nachgedacht werden, in denen eine Wasserkraftnutzung noch vertretbar wäre“, schließt Lötsch.
Weiterführende Informationen, Karten und Fotos zum Download: www.wwf.at/oekomasterplan
Rückfragehinweis:
Claudia Mohl, WWF-Pressesprecherin, Tel. 01/48817-250 oder 0676/83488203, E-Mail:claudia.mohl@wwf.at
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